Diese Frage beschäftigt mich. Nicht als abstrakte Zeitdiagnose, sondern ganz konkret, aus dem, was ich wahrnehme, lese, erlebe: Welche Spriritualität braucht das Christentum heute?
Nicht: Welche Kirchenstruktur. Nicht: Welches Programm. Sondern: Welche innere Haltung, welche geistliche Praxis, welche Form des Glaubens ist für diese Zeit tragfähig? Für diese konkrete, verwirrende, reizüberflutete, wunderbare Zeit?
Ich glaube: Es geht um Fähigkeiten. Alte Fähigkeiten, die neu gefragt sind. Neue Fähigkeiten, die entdeckt werden können. Ich versuche hier, einige davon zu benennen. Nicht weil ich sie schon beherrsche, sondern weil ich nach ihnen suche.
Gott im Jetzt
Wir reden im Glauben viel über Vergangenheit und Zukunft. Was Gott getan hat. Was kommen wird. Beides ist wichtig. Aber ich frage mich manchmal, ob wir dabei das Jetzt verfehlen.
Die Mystiker haben das anders gedacht. Meister Eckhart sprach, sinngemäß, von einem ewigen Jetzt, in dem alle Zeit zusammenfällt. Das klingt abstrakt. Aber die Erfahrung dahinter ist sehr konkret: Gott ist nicht nur dort, wo Geschichte stattgefunden hat. Er ist hier. In diesem Atemzug. In dieser Begegnung. Auch im Schmerz, wenn dort Mitgefühl wächst. Auch in der Erschöpfung, wenn dort ehrliches Gebet entsteht.
Das bedeutet: aufwachen. Jetzt. Nicht irgendwann.
Das ist leichter gesagt als getan. Denn wir sind abgelenkt. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil wir in einer Welt leben, die uns permanent woandershin zieht. Eine Spiritualität der Gegenwart ist deshalb keine fromme Zier. Sie ist Widerstand gegen die Zerstreuung.
Unterscheidung der Geister
Das Zweite, das ich für unersetzlich halte, hat einen alten Namen: Unterscheidung der Geister. Ignatius von Loyola hat dafür ein ganzes Instrumentarium entwickelt. Die Kunst, innere Regungen zu prüfen und zu unterscheiden, welche Impulse zum Leben führen und welche von ihm wegführen.
Paulus hat es kürzer formuliert: „Prüft alles, das Gute behaltet.“1
Das klingt einfach. Es ist es nicht. Denn nicht alles, was sich nach Gott anfühlt, ist Gott. Nicht alles, was sich gut anfühlt, ist gut. Und nicht alles, was sich schwer anfühlt, ist falsch.
In einer Zeit, in der Menschenverachtung und Gewalt sich auf Christus berufen brauche ich deutliche Worte des Evangeliums und der Menschenfreundlichkeit Gottes.
Ein Christentum, das den Fremden verachtet, hat das Evangelium verlassen. Nicht am Rand. Im Kern.
Ein Glaube, der Stärke vergöttert und Schwäche beschämt, hat nicht Jesus im Blick, sondern ein Zerrbild von ihm.
Eine Frömmigkeit, die Würde selektiv verteilt – nach Herkunft, nach Leistung, nach Zugehörigkeit – ist keine Frömmigkeit. Sie ist Ideologie mit Kreuz.
Das sind keine neuen Beobachtungen. Aber ich merke, dass ich sie immer seltener laut ausspreche. Aus Erschöpfung vielleicht. Oder aus der stillen Hoffnung, dass es sich von selbst klärt. Es klärt sich nicht von selbst.
Diese Fähigkeit zu spüren, was trägt und was täuscht, ist nicht rein intellektuell zu lösen. Sie braucht das ganze Wesen: Verstand, Herz, Leib, Intuition. Sie braucht Verwurzelung in der Tradition. Und sie braucht fast immer andere Menschen, mit denen ich denken kann.
Allein komme ich da nicht weit.
Resonanz
Der Soziologe Hartmut Rosa hat einen Begriff geprägt, der mich seither nicht loslässt: Resonanz. Er beschreibt damit Momente, in denen die Welt uns wirklich anspricht und wir antworten. In denen etwas in uns in Schwingung gerät. In denen wir nicht nur Informationen verarbeiten, sondern wirklich berührt werden.2
Rosa sagt: Resonanz ist nicht machbar. Sie kann nicht erzwungen werden. Sie ist – und das ist theologisch bemerkenswert – unverfügbar.
Das ist genau die Erfahrung, die der Glaube kennt. Wenn du Musik hörst, die dich zu Tränen rührt: das ist Resonanz. Wenn du Brot brichst und merkst, dass dich das mit Millionen von Menschen verbindet, über Raum und Zeit hinweg: das ist Resonanz. Wenn ein Gebet dich trifft, obwohl du gar nicht gebetet hast, sondern nur dabei warst: das auch.
Ich glaube: Glaube, der nicht resonanzfähig ist, verliert sich. Er wird Verwaltung. Pflicht. Gewohnheit. Das ist kein Vorwurf; ich kenne das aus mir selbst. Aber es ist eine Diagnose, die ich ernst nehme.
Die Stille
In einer Welt, die dauerhaft beschallt ist, ist Schweigen keine Schwäche. Es ist eine Entscheidung. Vielleicht sogar eine politische.
Jesus zog sich in die Wüste zurück. Nicht um geistlicher zu werden, sondern um klar zu sehen. Das ist ein Unterschied, der mich beschäftigt.
Ich bete. Unregelmäßig. Manchmal mit Worten, manchmal ohne. Manchmal weiß ich hinterher nicht, ob ich gebetet oder nur nachgedacht habe. Aber ohne diese Zeiten, ohne diese Unterbrechungen des Alltags, werde ich unruhiger. Unklarer. Anfälliger für das, was laut ist und deshalb wahr zu sein scheint.
Stille ist keine Methode. Aber sie verändert etwas. Sie schärft den Blick dafür, was wirklich ist und was nur so tut, als ob.
Prophetische Wachheit
Kontemplation ohne Gerechtigkeit bleibt leer. Das hat die Tradition immer gewusst und manchmal vergessen.
Wir brauchen Spiritualität, die trösten will. Und genauso die Ungerechtigkeit benennt. Das Übersehene. Die Frage, wer profitiert und wer leidet.
Das ist dann nicht Frommsein als Flucht. Das ist Frommsein als Wachheit.
Der Glaube fragt mich: Wo geht Würde verloren? Wessen Stimme wird nicht gehört? Das ist keine prophetische Kategorie aus der Vergangenheit. Das ist eine Frage für Jetzt.
Von anderen lernen
Ich glaube nicht, dass die christliche Tradition alles an Gotteserkenntnis hat. Und ich glaube nicht, dass das ein Eingeständnis von Schwäche ist. Gott ist soviel größer als Kirche.
In den Religionen der Welt und der Vielfalt der Philosophie, in der Schönheit der Wissenschaft und der Ästhetik des Gestaltens entdecke ich Spuren Gottes. Ich kann staunen und lernen und dabei auch neu entdecken, was zu mir gehört.
Das ist keine Beliebigkeit. Es ist Demut. Die Erkenntnis, dass Gottes Geist weht, wo er will. Und dass ich tiefer werde, nicht flacher, wenn ich zuhöre.
Hoffnung, die nicht naiv ist
Und dann ist da noch das: Wir brauchen Stimmen, die nicht nur Probleme benennen, sondern Hoffnung artikulieren können. Nicht als Vertröstung. Nicht als Wegschauen. Sondern als Wahrnehmung dessen, was bereits geschieht.
Auferstehung ist nicht nur Vergangenheit. Sie ist Verheißung für das Jetzt. Heilung ist möglich. Gemeinschaft ist möglich. Die Geschichte ist nicht zu Ende.
Das zu sagen, mit Überzeugung und ohne Naivität, ist vielleicht das Schwierigste. Und das Notwendigste.
Ich weiß nicht, ob das die richtige Antwort ist auf die Frage, welches Christentum wir brauchen. Aber es ist mein Versuch.
Und vielleicht ist der Versuch selbst schon das Richtige.
Was würdest du ergänzen? Oder was siehst du ganz anders?
1 1 Thess 5,21 (Basis-Bibel)
2 Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp, Berlin 2016.