Ich will nicht von der Allmacht Gottes reden

A. Samstag, Ausbildung, innerer Widerstand

Es ist kurz nach neun, der Ausbildungskurs für Lektoren beginnt. Es geht um das Gebet im Gottesdienst, um die Anrede an Gott. „Allmächtiger Gott …“ Gerade diese Gebetanrede ist mir zuwider – nicht nur theologisch, sondern persönlich. Ich merke, wie gern ich jetzt rausgehen würde, hinaus in den kühlen Samstagswind, nur weg von jeder frommen Floskel.

In der Kaffeepause geht die Diskussion weiter — und die Fragen werden größer: Ist Gott allmächtig? Ist er dann nicht herzlos, wenn er Leid beenden könnte und einfach wegschaut? Kann man angesichts einer Familie, die ihr Kind verloren hat, wirklich von Gottes Allmacht reden? Hat Gott die Geschichte schon bis ins Letzte geplant – und wie viel Freiheit bleibt mir dann noch?

Die Fragen lassen uns nicht los. Wir müssen uns regelrecht zwingen, mit dem Programm weiterzumachen.

B. Kopf: Warum mir die Prozesstheologie hilft

Vielleicht liegt das Problem nicht bei Gott, sondern bei dem Bild, das ich von ihm habe. Blaise Pascal, der große gelehrte Mathematiker hat es auf einem Zettel notiert, den man nach seinem Tod in sein Jackett eingenäht fand:

„Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs – nicht der Gott der Philosophen und Gelehrten.“

Der Gott der klassischen Metaphysik, der Gott der Philosophen und Gelehrten, ist unbewegt, leidensunfähig, vollkommen in sich selbst.

Der Gott der Bibel ist das Gegenteil: leidenschaftlich involviert. Er zürnt, er trauert, er leidet an dem, was Menschen einander antun – und er leidet mit den Menschen bei dem, was sie einander antun.
Gott ist kein gleichgültiger Beobachter der Geschichte, sondern ihr bewegtester Teilnehmer.

Zu diesem Gottesbild gehört noch ein weiterer Gedanke, den der Schweizer Theologe Manuel Schmid in einem Buchtitel zuspitzt: „Gott hat keinen Plan für dein Leben“. Nicht weil er gleichgültig wäre – sondern weil er kein Drehbuch schreibt, das dir die Freiheit nimmt. Gott ist nicht der große Souffleur im Theater dieser Welt. Stattdessen, so Schmid, hat er tausend Möglichkeiten, mit dir ans Ziel zu kommen. Das klingt zunächst irritierend. Aber es ist befreiend: Kein Umweg meines Lebens ist ein Fehler im System. Und er ist nicht Konsequenz meines Unglaubens.
Es ist der Preis der Freiheit.

Ich erinnere mich an endlose innere Fragen: „Welchen Plan hat Gott für mich?“ „Wie finde ich seinen Willen heraus?“.
Und dabei brauche ich nur meinen Weg zu gehen.

Genau das entfaltet auch die Prozesstheologie, die Alfred North Whitehead entwickelt hat: Gott zwingt nicht, er lockt. Er stellt Möglichkeiten in die Welt, aber er nimmt uns die Freiheit nicht ab. Deshalb kann Leid geschehen, ohne dass er es will – und doch bleibt er an unserer Seite, bewegt und mitgehend. Diese Sätze holen mich herunter. Sie nehmen Gott nicht die Größe, aber sie befreien ihn von der Rolle des Marionettenspielers. Ich kann atmen, weil ich ahne: Er ist kein Tyrann über meinem Schmerz, sondern ein Mitgehender in ihm.

C. Herz: Was ich von Madeleine Delbrêl lerne

Noch mehr Luft bekomme ich, wenn ich an Madeleine Delbrêl denke. Sie lebte in den Kriegs- und Nachkriegsjahren mitten im Arbeiterviertel von Ivry bei Paris und suchte Gott nicht in stillen Klöstern, sondern auf der lauten Straße. Sie beschreibt, wie sie am Morgen durch das Verkehrsgewühl geht und in den ängstlichen Blicken der Passanten Jesus entdeckt, der in jedem Schicksalsschlag gegenwärtig ist. Ein anderes Mal bleibt sie mitten auf dem Weg stehen und mahnt sich, den Tag ohne festen Plan zu beginnen – weil sie erst im Gehen und Reden mit Nachbarn erfährt, wie Gott unterwegs am Werk ist.

Diese Bilder erden mich. Delbrêl zeigt: Gottes Nähe ist nicht auf Klöster und Kirchen beschränkt. Sie hört zu, sie hält kurz inne, sie reicht eine Schale Suppe – und im Kleinsten blitzt das Größte auf. Wenn ich an meine Seelsorgearbeit in der Klinik denke, spüre ich: Genau in diesem fragilen Raum, wo Atemzüge zählen, kann Gott aufleuchten, unscheinbar und doch tröstlich.

D. Der verborgene Gott – und meine Hoffnung

Trotzdem bleibt etwas offen. Manchmal bleibt er der verborgene Gott, Deus absconditus, den ich nicht verstehe.

An dem ich leide. Ich kann argumentieren, ich kann Bilder sammeln – und stoße doch an eine Wand aus Schweigen. Aber vielleicht ist gerade dieses Schweigen auch eine Einladung. Eine Lücke, in die ich meine eigene Stimme legen darf.

Und so sitze ich am Ende des Kurstages in meinem Auto auf dem Heimweg, Ich flüstere nur einen Satz, der mir bleibt:

„Du bist größer als alles, was mich bedroht.“

Ich weiß nicht, ob Gott fern oder nah ist – aber ich halte mich an diese Worte. Sie sind mir lieber als die Rede von der Allmacht Gottes. Sie tragen mich hinaus in den Abend, zurück ins Leben.


Quellen

  • Blaise Pascal, Mémorial (1654), in: Pensées, hrsg. von Léon Brunschvicg, Paris 1897. Das Mémorial wurde nach Pascals Tod (1662) eingenäht in sein Jackett gefunden.
  • Manuel Schmid, Gott hat keinen Plan für dein Leben – aber 1000 Möglichkeiten, mit dir ans Ziel zu kommen, SCM Hänssler, 2022, ISBN 978-3-7655-2130-0.
  • Vgl. auch: Podcast „Ausgeglaubt“ (RefLab), Folge 106, reflab.ch.
    Manuel Schmid: Gott hat keinen Plan für dein Leben. Stephan Jütte spricht mit Manuel Schmid über dessen Buch „Gott hat keinen Plan für dein Leben – aber 1000 Möglichkeiten, mit dir ans Ziel zu kommen“. Das Gespräch behandelt Themen wie Vorsehung, Leidfrage und Hoffnung. Veröffentlichungsdatum: 15. Juni 2022
  • Alfred North Whitehead, Prozess und Realität (engl. Process and Reality, 1929), dt. Frankfurt: Suhrkamp, 1987.
  • Vgl. auch Podcast: Liesendahl, J. (o. D.). John B. Cobb – Was ist Prozesstheologie? Schöner glauben. RefLab. Abgerufen von https://www.reflab.ch/was-ist-prozesstheologie/ reflab.ch.
  • Madeleine Delbrêl: Gott einen Ort sichern. Texte – Gedichte – Gebete“, hrsg. von Annette Schleinzer, Kevelaer 2007 .
    Wir Nachbarn der Kommunisten. Johannes Verlag Einsiedeln, 1975
  • Vgl. auch Podcast: Bayerischer Rundfunk (BR). (2021, 3. November). Madeleine Delbrêl – Von der Atheistin zur Mystikerin [Podcast]. BR Radiowissen. Abgerufen von https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/madeleine-delbr-l-von-der-atheistin-zur-mystikerin/1839091
  • Vgl. auch Podcast: Deutschlandfunk. (2020, 29. Januar). Madeleine Delbrêl – Das Leben wie einen Tanz leben. Abgerufen von https://www.deutschlandfunk.de/madeleine-delbrel-das-leben-wie-einen-tanz-leben-100.html deutschlandfunk.de.