Respekt mit/ohne Verstehen? Ein alter Weg für eine neue Frage

Wie gehe ich mit Unterschiedlichkeit im Miteinander der Religionen um? Dazu braucht es um Neugier, Respekt und Mut.


Es ist ein eleganter Gedanke. Fast zu elegant.

1983 legten Heinrich Fries und Karl Rahner ein Büchlein vor, das es in sich hatte: Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit. Ihr Vorschlag war bescheiden in der Form und kühn im Anspruch. Die evangelischen Kirchen und die römisch-katholische Kirche könnten sich zusammenfinden. Nicht indem sie alle Differenzen auflösen, sondern indem sie vereinbaren: Keine Teilkirche wird einen Glaubenssatz, der in der anderen verpflichtendes Dogma ist, explizit verwerfen. Man muss ihn nicht selbst vertreten. Man muss ihn nur stehenlassen.

Das klingt nach einem kleinen Schritt. Es ist in Wirklichkeit ein großer.


Zwischen Kampf und Beliebigkeit

Rahner sah, dass seine Gegenwart anders war als das 16. Jahrhundert, die Zeit, in der die Kirchen sich trennten.. Damals war die Konfrontation der Konfessionen auch eine Konfrontation der Weltbilder, der Machtsphären, der Überlebensfragen. Seine Überzeugung ist, dass der Pluralismus des Denkens so selbstverständlich geworden ist, dass man einen Glaubenssatz des anderen respektvoll gelten lassen kann, auch wenn man ihn selbst nicht teilt. Man muss nicht siegen. Man darf auch nebeneinander stehen.

Das ist der Weg zwischen zwei Extremen, der mich fasziniert: dem dogmatischen Kampf, der den anderen überwältigen will, und dem oberflächlichen Relativismus, dem alles gleichgültig ist.

Rahners Weg heißt nicht: Es ist sowieso alles dasselbe.
Er heißt: Deine Wahrheit hat eine Würde, die ich nicht zerstören muss, um meine eigene zu bewahren.

Rahner nannte das mit einem sperrigen Begriff eine „existentiell erkenntnistheoretische Toleranz“. Nicht Gleichgültigkeit, nicht Harmonie-Kitsch. Sondern ein bewusstes, existenzielles Aushalten von Unterschiedlichkeit.


Ein Gedanke wandert weiter

Was mich bei diesem Modell fasziniert: Es wurde für den ökumenischen Dialog entworfen. Aber es geht darüber hinaus.

Was wäre, wenn man es auf den interreligiösen Dialog überträgt? Nicht als theologisches Konzept, das man einfach von einer Schublade in die andere schiebt. Aber als Haltung. Als Grundhaltung gegenüber dem anderen Glauben.

Statt dem uralten »dein Glaube ist falsch« heißt es dann:

Das respektiere ich.
Und ich muss es nicht übernehmen, um dir wirklich zu begegnen.

Ein Christ muss nicht zum Juden konvertieren, um echten Respekt zu zeigen. Ein Protestant muss nicht Marienverehrer werden, um mit Katholiken gemeinsam zu beten.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht. In vielen interreligiösen Gesprächen steckt noch immer -mal offen, mal verdeckt – die Erwartung: Ich respektiere dich, solange du so bist wie ich.

Rahners Modell setzt dieser Erwartung eine Grenze. Und gibt damit dem Dialog erst den Raum, den er braucht.


Aber: Ist das genug?

Es wurde früh und berechtigt nachgebohrt: Wird da die Wahrheitsfrage aus taktischen Gründen verschoben? Bleibt Rahners Toleranz letztlich eine kluge Umgehungsstrategie und kein echtes Verstehen?

Der Knackpunkt liegt dort, wo Rahner selbst eine wichtige Unterscheidung macht: Ein Katholik sei nicht gehalten, sich alle „Ausprägungen und Ableitungen in der Geschichte des gelehrten und gelebten Glaubens“ persönlich anzueignen und müsse das erst recht nicht von anderen Christen erwarten. Das ist klug. Es schützt vor dem Überanspruch.

Aber es kann auch faul werden. Wenn „Ich toleriere deinen Glauben“ heißt: Deine Wahrheit ist mir zu anstrengend, um sie wirklich zu verstehen, dann ist das keine Toleranz mehr. Dann ist es höfliche Gleichgültigkeit in festlichem Gewand.


Respekt muss wachsen dürfen

Was mir in Rahners Modell fehlt, ist die Neugier. Die echte, unbequeme, manchmal überfordernde Neugier auf das, was den anderen trägt.

Nicht nur: Ich toleriere dein Gebet.
Sondern: Was bedeutet es dir, wenn du betest? Was geschieht in dir dabei?

Das ist der Unterschied zwischen respektvollem Dulden und wirklichem Hören. Und ich glaube, dieser Unterschied entscheidet darüber, ob interreligiöse Gespräche etwas bewegen. Oder nur höflich nebeneinander verlaufen.

Rahner gibt uns eine wichtige erste Bewegung: Halt inne. Hör auf zu kämpfen. Lass stehen, was du nicht teilst.

Aber dann muss etwas Zweites kommen: das Hinhören. Das Fragen. Die Bereitschaft, sich berühren zu lassen.

Die eigentliche Frage, die Rahners Modell offen lässt, lautet für mich: Kann eine existentiell erkenntnistheoretische Toleranz irgendwann in echtes Verstehen wachsen? Oder bleibt sie – bei allem guten Willen – ein schönes Nebeneinander, das die Tiefe der anderen Überzeugung nie wirklich berührt?

Ich weiß es nicht. Aber ich halte die Frage für wichtiger als eine voreilige Antwort.


Quellen:
Heinrich Fries / Karl Rahner: Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit. Herder, Freiburg 1983.
Zum Fries-Rahner-Plan und zu den Einwänden vgl. den Wikipedia-Artikel: Fries-Rahner-Plan
https://de.wikipedia.org/wiki/Fries-Rahner-Plan. gelesen am 19.4.2026