Christ sein heute bedeutet für mich, als Seelsorger in der Klinik und im Hospiz täglich Menschen zu begegnen, die spirituell unterwegs sind, aber keine klassischen Christen sind. Muslime, die im Gebet Halt finden. Anthroposophen, die von kosmischen Kräften sprechen. Buddhisten, die das Leid anders durchschreiten als ich.
Ich bin Christ – das ist meine spirituelle Heimat. Aber ich glaube, dass Gott größer ist als meine Religion.
Das Evangelium ist meine Muttersprache – nicht mein Monopol
Jesus zeigt mir, wer Gott ist: Einer, der sich klein macht. Einer, der mitgeht, nicht von oben herab eingreift. Einer, der im Leid aushält, statt es wegzuerklären. Die Menschwerdung zeigt mir: Gott bejaht das Begrenzte, das Körperliche, das Endliche. Das Kreuz zeigt mir: Gott leidet mit. Die Auferstehung zeigt mir: Gott verwandelt – er kehrt nicht zurück, er schafft Neues.
Das ist mein Kompass. Meine Muttersprache.
Aber: Muttersprache ist nicht Monopol. Ich glaube nicht, dass Gott nur zu Christen spricht. Ich halte an Christus fest – aber ich bin bereit zu lernen.
Gottes Spuren in anderen Religionen
Wenn ich einem Muslim begegne, der im Gebet Halt findet – dann glaube ich: Das ist Gott.
Wenn eine Anthroposophin von kosmischen Rhythmen spricht, die sie trägt – dann frage ich: Ist das vielleicht das, was ich „Heiliger Geist“ nenne?
Wenn ein Buddhist das Leid durchschreitet, ohne es wegzuerklären – dann erkenne ich: Das ist die Haltung Jesu am Kreuz.
Ich muss ihre Erfahrungen nicht in meine Sprache übersetzen. Ich darf zuhören – und staunen. Es ist derselbe Gott, der zu ihnen spricht. Nicht weil alle Religionen gleich sind – sondern weil Gott größer ist als meine Religion.
Gastfreundschaft als Haltung
Der katholische Theologe Raimon Panikkar hat einen Begriff geprägt, der mich fasziniert: „Der Gast wird zum Gastgeber des Gastgebers.“
Das bedeutet: Ich lade den Anderen ein in meine theologische Welt – aber ich bin bereit, von ihm verwandelt zu werden. Im Hospiz bedeutet das konkret: Ich komme nicht als der, der die Wahrheit bringt. Ich komme als der, der Raum gibt. Wenn ein Muslim mir von Allahs Barmherzigkeit erzählt – dann höre ich zu. Wenn ein Buddhist schweigt – dann schweige ich mit. Und manchmal entsteht in diesem Raum etwas Neues: Eine Begegnung, die uns beide verändert.
Was das für meine Seelsorge bedeutet
1. Ich höre zu, bevor ich spreche.
Ich frage nicht: „Bist du Christ?“ Ich frage: „Was trägt dich?“
2. Ich respektiere deine Sprache – aber ich bleibe in meiner.
Wenn du von „kosmischen Kräften“ sprichst, nenne ich es „Heiliger Geist“. Wir müssen nicht die gleichen Worte benutzen.
3. Ich biete dir meinen Glauben an – aber ich dränge ihn dir nicht auf.
Wenn du willst, erzähle ich dir von Jesus. Aber wenn du nicht willst – ist das auch okay. Gott wirkt auch ohne meine Worte.
Warum ich trotzdem Christ bleibe
Manche fragen: „Wenn Gott überall wirkt – warum brauchst du Jesus?“
Meine Antwort: Weil Jesus mir zeigt, wie Gott ist. Nicht abstrakt („Gott ist Liebe“) – sondern konkret, in einer Geschichte: Gott macht sich klein. Gott geht mit. Gott hält aus. Gott verwandelt.
Diese Geschichte trägt mich. Und sie kann auch andere tragen. Nicht im Sinne von: „Nur diese Geschichte ist wahr.“ Sondern im Sinne von: „Diese Geschichte ist wahr – und sie trägt mich.“
Ich bleibe Christ, weil ich diese Geschichte brauche. Und ich glaube: Gott ehrt das.
Die Fragen, die bleiben
Ich habe keine fertigen Antworten auf die Frage, was einem Muslim ohne Christus fehlt. Oder ob Christus für mich der Weg ist – oder für alle.
Aber ich glaube: Es ist okay, keine fertigen Antworten zu haben. Leben als Fragment – das heißt, dass ich nicht alles wissen muss. Dass ich Brüche aushalten darf.
Ich bin Christ – und ich bin auf der Suche. Beides gehört zusammen.
Dieser Text entstand im Dezember 2024 / Januar 2025 als theologische Verortung meiner Arbeit als Seelsorger. Er ist work in progress – wie ich selbst.