Die Schönheit des Glaubens

„Man kann auf Dauer nur an etwas glauben, das man schön gefunden hat.“

Fulbert Steffensky hat diesen Satz in einem Interview mit Angela Berlis formuliert — und in ähnlicher Form immer wieder aufgegriffen, als kehre er zu einem Gedanken zurück, der ihn selbst nicht loslässt. (Steffensky/Berlis 2017, S. 5; vgl. auch Steffensky 2009; 2010)

Als ich ihn zum ersten Mal las, traf er mich. Nicht weil er leicht klingt, sondern weil er wahr ist. Weil ich immer wieder erlebe: Menschen finden nicht durch Argumente zum Glauben, sondern durch Momente, in denen sie aufatmen.


Was Steffensky meint

Schönheit meint bei Steffensky keine Oberflächenästhetik. Es geht um die erfahrbare Gestalt von Hoffnung und Trost — um eine Weise, wie Zartheit sich zeigt, wie Widerstand gegen Unrecht Form annimmt, wie Menschen sich nicht von der Hoffnung losmachen, selbst wenn die Welt dagegen spricht.

Diese Schönheit überzeugt nicht durch Argumente, sondern indem sie berührt. Und erst diese Berührung öffnet den Raum, in dem Wahrheit verständlich wird. Schönheit ist kein Ersatz für Wahrheit, sondern der Weg zu ihr.

Steffensky wendet sich gegen einen Glauben, der zwar recht haben will, aber niemanden anzieht. Gegen eine Theologie, die mehr an Dogmen interessiert ist als daran, ob Menschen darin aufatmen können. Sein Satz ist ein Widerspruch gegen jeden Glauben ohne Charme.


Ein Gespräch mit Hartmut Rosa

Steffenskys These bekommt unerwartete Unterstützung aus der Soziologie. Hartmut Rosa hat in seiner Resonanztheorie beschrieben, was ein gelingendes Leben ausmacht: nicht Erfolg, nicht Kontrolle — sondern Resonanz. Eine Beziehung zur Welt, in der wir berührt werden und antworten können. In der etwas uns anruft — und wir nicht stumm bleiben.

Resonanz, sagt Rosa, ist das Gegenteil von Entfremdung. Und sie ist unverfügbar: Sie lässt sich nicht herstellen, nicht erzwingen, nicht kaufen. Sie geschieht — oder sie geschieht nicht.

Rosa unterscheidet drei Resonanzachsen: die horizontale — mit anderen Menschen; die diagonale — mit Dingen, Kunst, Musik; die vertikale — mit dem Ganzen, dem Transzendenten, Gott. Und er betont: Gerade religiöse Rituale wie der Gottesdienst oder das Abendmahl verbinden alle drei Achsen — und können sie gegenseitig verstärken. (vgl. Rosa 2016, S. 443)

Steffensky nennt es Schönheit. Rosa nennt es Resonanz. Beide meinen dasselbe: Es gibt Momente, in denen das Leben aufleuchtet. In denen wir spüren: Da ist mehr. Und diese Momente sind nicht machbar — aber sie sind möglich. Und sie sind notwendig.

Für die Seelsorge bedeutet das: Meine Aufgabe ist nicht, Resonanz herzustellen. Aber ich kann Räume schaffen, in denen sie möglich wird. Ein Lied. Eine Stille. Ein Psalmvers. Manchmal reicht das.


Der Einwand — und warum er ernst zu nehmen ist

Doch Steffenskys Satz provoziert Widerspruch. Zu Recht.

Kann Glaube wirklich davon abhängen, ob mir Gott „schön“ vorkommt? Das Kreuz ist nicht ästhetisch anziehend. Das Gericht Gottes ist nicht anziehend im Sinne von Wohlgefallen — auch wenn es in der prophetischen Tradition seine eigene Schönheit hat: als Gerechtigkeit für die Unterdrückten. Gott begegnet uns — auch dort, wo wir es nicht erwarten und nicht schön finden.

Und was ist mit den Menschen, denen nichts mehr schön vorkommt? Die in der Depression keine Farben mehr sehen. Die erschöpft sind bis zur Leere. Ist Steffenskys Satz für sie überhaupt zugänglich — oder ein Luxus für die, denen es noch gut genug geht?

Schönheit kann verführen. Sie kann blenden. Sie kann das Leiden verkitschen, statt es ernst zu nehmen. Steffensky selbst hat immer betont, dass der Glaube an Gott und das Brot der Armen zusammengehören. (vgl. Steffensky 2006, S. 112ff.) Sein Satz lädt zu Missverständnissen ein, wenn man diese politische und soziale Schärfe ausblendet.


Die Schönheit des Kreuzes — oder: Warum der Satz gerade dort gilt, wo es dunkel ist

Vielleicht liegt genau hier das Missverständnis. Das Kreuz ist nicht schön als Bild. Aber es ist schön als Hoffnung. Als Zeichen dafür, dass Gott sich nicht abwendet. Dass er bleibt. Dass er mit hinabsteigt ins Dunkel.

Dietrich Bonhoeffer hat das in seinem Lied „Von guten Mächten“ zum Klingen gebracht — geschrieben in der Todeszelle, angesichts des eigenen Endes. Kein naiver Optimismus. Keine Verklärung. Aber eine Hoffnung, die sich nicht brechen lässt. Und genau diese Hoffnung — die trotzdem bleibt — hat ihre eigene Schönheit.

Die Klagepsalmen sind nicht schön als Literatur des Schreckens. Aber sie sind schön, weil sie dem Schrei Raum geben. Weil sie das Leiden nicht beschönigen, sondern vor Gott bringen. Weil sie zeigen: Hier darf alles gesagt werden.

Schönheit im Angesicht des Leidens ist keine Flucht. Sie ist Widerstand. Widerstand gegen die Verzweiflung. Gegen die Hoffnungslosigkeit. Und gerade dort, wo Menschen am Ende sind, zeigt sich: Steffenskys Satz bleibt unverzichtbar. Nicht als Antwort auf das Leiden, sondern als Widerstand dagegen, dass das Leiden das letzte Wort behält.


Was das für die Praxis bedeutet

In der Klinik Wenn ich bei jemandem sitze, der seit Wochen nicht schlafen kann, helfen keine theologischen Erklärungen. Aber manchmal hilft ein Lied. Ein Psalmvers. Eine Kerze, die brennt.

Ich erinnere mich an eine Begegnung: „Ich kann nicht mehr beten. Ich habe keine Worte mehr.“ Wir saßen schweigend zusammen. Dann schlug ich vor, gemeinsam Psalm 23 zu lesen. Als wir bei „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal“ ankamen, sagte sie: „Genau das ist es.“

Seelsorge muss nicht primär erklären. Sie kann Raum schaffen für Momente des Aufatmens. Für kleine Unterbrechungen der Schwere.

Beim Singen Lieder wirken nicht, weil sie theologisch korrekt sind. Sie wirken, weil sie schön sind. Weil sie etwas in Menschen zum Klingen bringen — und damit genau das tun, was Rosa Resonanz nennt: Sie rufen an, und etwas in uns antwortet.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ — dieses Lied ist keine systematische Hoffnungslehre. Aber es trägt. Menschen singen es, die Bonhoeffers Theologie nicht kennen. Die vielleicht nicht einmal glauben. Aber sie spüren: Hier ist etwas, das Kraft gibt.


Warum der Satz unverzichtbar bleibt

Steffenskys Satz erinnert daran, dass Glaube nicht mit dem Kopf beginnt. Dass Menschen nicht durch Dogmen überzeugt werden, sondern berührt. Dass ein Lied mehr Theologie transportieren kann als ein Lehrsatz.

Die Erfahrung von Schönheit ist keine Beliebigkeit. Sie ist eine Einsicht: Man kann auf Dauer nur leben von dem, was Hoffnung schenkt. Was anzieht. Was trägt. Natürlich muss diese Schönheit kritisch bleiben — sie darf nicht zum Kitsch werden, nicht zur Verklärung des Leids. Aber sie darf auch nicht fehlen. Denn ein Glaube ohne Schönheit ist leblos. Er hat vielleicht Recht — aber er zieht niemanden an.

Wenn in der Psychiatrie ein Lied erklingt. Wenn ein Psalmvers aufleuchtet. Dann ist das kein naiver Eskapismus. Das ist ein Zeichen: Die Schwere hat nicht das letzte Wort.

Meine Aufgabe ist es, Räume zu schaffen, in denen Menschen spüren können: Hier ist etwas Schönes. Hier ist Hoffnung. Hier darf ich sein. Nicht als Flucht vor der Realität. Sondern als Widerstand dagegen, dass die Dunkelheit das letzte Wort behält.


Quellen und Literatur

Primärliteratur

  • Steffensky, Fulbert / Berlis, Angela: „Man kann auf Dauer nur an etwas glauben, das man schön gefunden hat.“ In: Christkatholisch 140 (2017), Nr. 17, S. 4–6.
  • Steffensky, Fulbert: „Dein Wort ist unseres Fußes Leuchte – Über die Schönheit des Protestantismus“. Vortrag, Kassel, 26.09.2009. Online: ekd.de
  • Steffensky, Fulbert: „Die Schönheit des dickköpfigen Stolzes.“ In: imprimatur 41 (2010), Heft 1. Online: imprimatur-trier.de
  • Steffensky, Fulbert: Schwarzbrot-Spiritualität. Stuttgart: Kreuz, 2006.
  • Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp, 2016.

Sekundärliteratur

  • Hoffmann, Daniel: „Die zwecklose Schönheit des Glaubens“, in: Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 123,6 (2023), S. 357–361.
  • Löser, Werner SJ: „Der herrliche Gott und die Augen des Glaubens“. Online: sankt-georgen.de

Die Zitate werden im Rahmen des Zitatrechts (§ 51 UrhG) zur theologischen Auseinandersetzung verwendet.