Die Bibel lesen – ohne sie fürchten zu müssen


Über ein fremdes Buch, das uns angeht


Ein Buch, das mich nicht loslässt

Ich erinnere mich an eine Begegnung im Hospiz. Eine Frau, Ende siebzig, hatte eine Bibel auf dem Nachttisch liegen. Sie hatte sie lange nicht aufgeschlagen. „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll“, sagte sie. „Die Worte fühlen sich so schwer an.“

Ich kenne dieses Gefühl. Nicht aus dem Hospiz – sondern aus mir selbst.

Die Bibel ist ein seltsames Buch. Sie ist das meistgedruckte Buch der Welt und gleichzeitig eines der ungelesenen. Sie tröstet und erschreckt. Sie öffnet Räume und schließt sie. Sie hat Menschen befreit – und wurde benutzt, um Menschen zu unterdrücken. Wer sie aufschlägt, betritt kein neutrales Gelände.

Und trotzdem: Ich komme von ihr nicht los. Nicht weil ich müsste. Sondern weil immer wieder ein Satz aufleuchtet, der mich trifft. Der sagt: Ja. Genau das. Der mich erinnert an etwas, das ich längst wusste – und vergessen hatte.

Dieser Essay ist kein Leitfaden. Er ist ein Versuch, zu beschreiben, was die Bibel für mich ist – und was nicht.


Kein Rezeptbuch

Die Bibel ist keine Gebrauchsanleitung. Wer sie so liest, wird enttäuscht – oder gefährlich. Denn ein Buch, das auf jede Lebenslage eine fertige Antwort liefert, macht das Denken überflüssig. Und das Denken ist, glaube ich, keine Bedrohung für den Glauben. Es ist sein Atemraum.

Fulbert Steffensky hat einmal geschrieben, dass die Bibel kein Steinbruch ist, aus dem man sich passende Brocken herausbrechen kann. Sie ist ein lebendiges Gespräch – zwischen Menschen, die Gott gesucht haben, und einem Gott, der sich gefunden hat lassen.

Das ist der erste Schritt: Die Bibel als Glaubenszeugnis fremder Menschen zu lesen. Als Protokoll von Erfahrungen, die Menschen gemacht haben – mit einem Gott, der sich nicht einfangen lässt. Mit Zweifeln, die nicht aufgelöst werden. Mit Hoffnungen, die manchmal enttäuscht werden. Mit Abgründen, die nicht zugekleistert werden.

Psalm 88 endet ohne Trost: „Finsternis ist mein nächster Freund“ (Ps 88,19, Lutherbibel 2017). Kein Happy End. Kein frommer Abschluss. Nur die Klage – und das Schweigen danach. Das ist auch Bibel. Das ist auch Glaubenszeugnis.


Ort der Offenbarung

Und doch ist die Bibel mehr als ein Archiv menschlicher Gotteserfahrungen. Sie ist – das ist meine Überzeugung, keine Behauptung – Ort der Offenbarung. Nicht so, dass Gott jeden Satz diktiert hätte. Sondern so, dass Gott durch diese menschlichen, fehlbaren, widersprüchlichen Texte hindurch spricht.

Das ist ein schmaler Grat. Auf der einen Seite: Wer die Bibel als fehlerfreies Diktat Gottes liest, muss jeden Widerspruch wegdeuten – und tut der Schrift damit Gewalt an. Auf der anderen Seite: Wer die Bibel nur als historisches Dokument liest, verliert die Möglichkeit, dass sie ihn angeht.

Ich halte mich an Karl Barth, der geschrieben hat, die Bibel sei das Zeugnis der Propheten und Apostel – menschliches Wort, das zum Wort Gottes werden kann. Nicht automatisch. Nicht auf Knopfdruck. Aber immer wieder, wenn ein Satz aufleuchtet und sagt: Hier. Jetzt. Das gilt dir.

Das ist Offenbarung nicht als Information, sondern als Begegnung.


Jesus – der Schlüssel

Wenn ich die Bibel lese, lese ich sie durch eine bestimmte Brille. Diese Brille heißt Jesus.

Das ist keine fromme Formel. Es ist eine hermeneutische Entscheidung. Jesus selbst gibt sie vor, als er gefragt wird, welches Gebot das größte sei:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Das ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt 22,37–40, Lutherbibel 2017)

Das ist der Schlüssel. Alles andere – alle schwierigen Texte, alle kulturell bedingten Gebote, alle Widersprüche – muss sich daran messen lassen. Fördert diese Auslegung das Leben? Den Respekt vor dem anderen? Die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen? Wenn nicht, stimmt etwas mit der Auslegung nicht.

Jesus selbst lebt das vor. Am Sabbat heilt er einen Mann mit einer gelähmten Hand – obwohl es „verboten“ ist. Seine Begründung ist knapp und klar: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk 2,27, Lutherbibel 2017) Das Gesetz dient dem Leben. Nicht umgekehrt.

Und als seine Jünger fragen, wer für die Blindheit eines Mannes verantwortlich sei – er selbst oder seine Eltern –, antwortet Jesus: Niemand. „Es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ (Joh 9,3, Lutherbibel 2017) Krankheit ist keine Strafe. Leiden ist keine Prüfung. Das ist eine der befreiendsten Aussagen der ganzen Schrift.


Die Vielstimmigkeit aushalten

Die Bibel spricht nicht mit einer Stimme. Das ist keine Schwäche – das ist ihre Stärke.

Psalm 137 schreit nach Rache: „Wohl dem, der deine Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!“ (Ps 137,9, Lutherbibel 2017) Das ist brutal. Das ist auch Gebet. Es gibt dem Schmerz Raum – dem Schmerz von Menschen, die alles verloren haben, die in der Fremde sitzen und weinen. Dieser Psalm darf stehen. Er darf schreien. Er muss nicht sofort durch Jesus geheilt werden.

Und dann kommt Jesus: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5,44, Lutherbibel 2017) Das ist nicht die Auflösung des Psalms. Es ist der nächste Schritt – ein Schritt, den nicht jeder sofort gehen kann. Und den niemand erzwingen sollte.

Die Bibel hält beides aus: den Schrei und die Einladung. Die Klage und die Hoffnung. Das Dunkel von Psalm 88 und das Licht von Johannes 1. Wer nur das eine liest, liest die halbe Bibel.

Einzelne Verse können irreführen. Sie brauchen ihre Geschwister – die Sätze davor und danach, die Bücher davor und danach. „Richtet nicht“, steht in Matthäus 7,1. Klingt absolut. Aber drei Verse weiter: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge.“ (Mt 7,5, Lutherbibel 2017) Jesus verbietet nicht das Urteilen. Er warnt vor der Heuchelei dabei. Die Schrift spricht in Zusammenhängen – nicht in isolierten Splittern.


Fremde Welten – und was bleibt

Die Bibel entstand in Welten, die uns fremd sind. Nomadenkulturen. Antike Städte. Andere Körperbilder, andere Familienstrukturen, andere Vorstellungen von Reinheit und Schuld.

Das Verbot von Schweinefleisch im Alten Testament hatte in einer Welt ohne Kühlschränke einen konkreten Sinn – es schützte das Leben. Die Reinheitsgebote des Levitikus markierten Grenzen einer Gemeinschaft, die ihre Identität bewahren musste. Das ist historisch verständlich. Aber es ist nicht zeitlos.

Die Frage ist: Was ist kulturell bedingt – und was bleibt? Ich glaube, die Antwort liegt nicht in einer Liste von ewigen Geboten. Sie liegt in der Richtung, in die die Texte zeigen. Die Richtung heißt: Würde des Menschen. Schutz des Lebens. Gerechtigkeit für die Schwachen. Liebe als strukturierendes Prinzip.

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Mi 6,8, Lutherbibel 2017) Das ist zeitlos. Nicht weil es ein schöner Satz ist – sondern weil er die Richtung zeigt, in die alle anderen Texte weisen.


Amos Yong: Der Geist liest mit

Hier möchte ich einen Theologen einführen, der mein Bibellesen verändert hat: Amos Yong, ein amerikanischer Pfingsttheologe mit malaysischen Wurzeln. Er hat eine Hermeneutik entwickelt, die ich für eine der ehrlichsten halte, die ich kenne.

Der Geist als Auslegungsinstanz. Yong argumentiert, ausgehend von Joel 3,1–2 („Ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch“) und der Pfingsterzählung in Apostelgeschichte 2, dass der Heilige Geist nicht aufgehört hat zu sprechen. Der Geist, der die Schrift inspiriert hat, ist derselbe Geist, der heute in der Gemeinde wirkt. Das bedeutet: Bibelauslegung ist kein rein historisches Unternehmen. Sie ist pneumatologisch – sie geschieht im Hören auf den Geist, der lebendig ist.

Das klingt zunächst nach frommer Beliebigkeit. Aber Yong meint das Gegenteil. Gerade weil der Geist unverfügbar ist – „Der Wind weht, wo er will“ (Joh 3,8, Lutherbibel 2017) –, kann keine Einzelperson, keine Institution, keine Konfession das letzte Wort über die Schrift haben. Der Geist entzieht sich dem Zugriff. Das hält die Auslegung offen.

Gemeinschaft als Ort der Auslegung. Yong betont, dass der Geist nicht im einsamen Lesen wirkt, sondern in der Gemeinschaft. Die Gemeinde ist der Ort, wo Schrift lebendig wird – im Gespräch, im Widerspruch, im gemeinsamen Ringen. Das entspricht dem, was Paulus in 1. Korinther 12 beschreibt: Die Gaben des Geistes sind vielfältig, und sie gehören zusammen. Kein Glied des Leibes kann sagen: Ich brauche die anderen nicht (1 Kor 12,21).

Das hat praktische Konsequenzen: Wer die Bibel liest, sollte das nicht allein tun. Nicht weil Einzellektüre verboten wäre – sondern weil die eigene Perspektive immer begrenzt ist. Die Frau im Hospiz, die die Bibel nicht aufschlagen kann, bringt eine Erfahrung mit, die der Theologieprofessor nicht hat. Und umgekehrt. Beide brauchen einander.

Prüfung in der Gemeinschaft. Yong entwickelt aus 1. Johannes 4,1 – „Prüft die Geister, ob sie von Gott sind“ – ein Prinzip der gemeinschaftlichen Unterscheidung. Keine Auslegung ist sakrosankt. Jede muss sich der Prüfung stellen: Fördert sie das Leben? Entspricht sie dem Geist Jesu? Macht sie frei oder bindet sie?

Das ist kein Relativismus. Es ist Demut. Die Überzeugung, dass kein Mensch und keine Institution die Wahrheit vollständig besitzt – und dass gerade deshalb das gemeinsame Ringen um die Schrift unverzichtbar ist.

Verletzlichkeit als hermeneutischer Ort. In seiner Disability Theology argumentiert Yong, ausgehend von 2. Korinther 12,9 („Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“), dass Menschen mit Behinderungen, mit Brüchen, mit Verletzlichkeit einen besonderen Zugang zur Schrift haben. Nicht weil Leiden edel macht – sondern weil die Bibel selbst ein Buch der Verletzlichen ist. Die Psalmen klagen. Hiob schreit. Paulus schreibt aus dem Gefängnis. Jesus stirbt am Kreuz.

Wer aus einer Position der Stärke liest, überliest leicht, was die Schrift den Schwachen sagt. Wer selbst gebrochen ist, hört anders.

Interreligiöser Dialog. Schließlich öffnet Yong die Schriftauslegung für das Gespräch mit anderen Traditionen. Ausgehend von Apostelgeschichte 10 – der Vision des Petrus und der Begegnung mit Kornelius – argumentiert er, dass der Geist Gottes nicht an den Grenzen der Kirche endet. „Gott ist kein Ansehen der Person“ (Apg 10,34, Lutherbibel 2017). Das bedeutet nicht, dass alle Religionen dasselbe sagen. Aber es bedeutet, dass das Gespräch mit anderen Traditionen die eigene Schriftlektüre bereichern kann – und manchmal korrigiert.


Miteinander um die Bibel ringen

Was bedeutet das alles praktisch?

Es bedeutet: Die Bibel will nicht einsam gelesen werden. Sie entfaltet sich im Gespräch. Im Widerspruch. Im gemeinsamen Suchen. Tausch dich aus – mit Menschen, die anders lesen als du. Die andere Erfahrungen mitbringen. Die andere Fragen stellen.

Prüft gemeinsam: Entspricht unsere Auslegung dem Geist Jesu? Macht sie frei oder bindet sie? Fördert sie das Leben – oder rechtfertigt sie Macht?

Und hab Mut zur Ehrlichkeit: Nicht alle biblischen Fragen lassen sich lösen. Manche Texte bleiben sperrig. Manche Widersprüche lassen sich nicht auflösen. Das ist kein Versagen – das ist die Würde eines Buches, das größer ist als unsere Systeme.

„Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ (1 Kor 13,12, Lutherbibel 2017)

Stückweise. Das ist das ehrliche Wort. Wir lesen stückweise. Wir verstehen stückweise. Und das reicht.


Was bleibt

Suche nach den Texten, die dir Atem geben. Die Psalmen, die klagen dürfen. Die Geschichten, in denen Jesus heilt. Die Worte, die sagen: Fürchte dich nicht.

Und wenn du gar nicht lesen kannst oder möchtest: Lass die Schrift durch andere zu dir kommen. Durch ein Gespräch. Durch ein Lied. Durch jemanden, der mit dir ringt – ohne zu urteilen.

Jesus ist das Herz der Schrift. Die Liebe ist die Brille, durch die wir alle Texte betrachten dürfen. Nicht weil das bequem wäre – manchmal ist es das Unbequemste überhaupt. Sondern weil er selbst gesagt hat:

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10, Lutherbibel 2017)

Das ist das Versprechen. Nicht Perfektion. Nicht Gewissheit. Sondern Leben – in Fülle, in Fragmenten, unterwegs.

Vielleicht ist das genug, um die Bibel aufzuschlagen.


Quellen und weiterführende Lektüre

  • Amos Yong: Spirit-Word-Community. Theological Hermeneutics in Trinitarian Perspective, Ashgate 2002
  • Amos Yong: Theology and Down Syndrome. Reimagining Disability in Late Modernity, Baylor University Press 2007
  • Amos Yong: Hospitality and the Other. Pentecost, Christian Practices, and the Neighbor, Orbis Books 2008
  • Fulbert Steffensky, Kirchentagsrede Bremen 2009 (paraphrasiert als „Die Bibel ist kein Steinbruch…“); vgl. jesus.de, 20.05.2009.
    mündliche Überlieferung aus Vorträgen ab 2009; gängige Paraphrase seiner Kritik an instrumenteller Bibelnutzung.
  • Karl Barth: Kirchliche Dogmatik I/2, §19 (Das Wort Gottes als Heilige Schrift), EVZ, Zollikon-Zürich 1938.
  • Bibelzitate nach der Lutherbibel 2017, © Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart; Mt 22,37–40 nach der BasisBibel, © Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart

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