Die Karte lag auf meinen Knien und wollte sich nicht falten lassen.
Jeder Falz war schon einmal gebrochen und wusste es besser als ich.
Mein Vater fuhr, ich las.
Mein Daumen lag auf einem Ort, dessen Namen ich nicht aussprechen konnte, und ich sagte mit großer Sicherheit: Hier links.
Es war nicht links.
Das Gelände widersprach der Karte, wie es Gelände gern tut.
Ein Feldweg, der auf Papier eine Straße war.
Ein Dorf, das es laut Legende nicht gab.
Wir hielten an einem Zaun, hinter dem eine Frau Bohnen band, und mein Vater kurbelte das Fenster herunter und fragte.
Sie erklärte es uns mit den Händen und lachte über unsere Aussprache.
Wir kamen eine Stunde zu spät an.
Wie das Hotel hieß, weiß ich nicht mehr.
An die Frau mit den Bohnen erinnere ich mich noch.
Sich verfahren
Dann kam die App und die Faltkarten verschwanden.
Ich will nicht so tun, als hätte sie mich nicht oft gerettet.
Aber auch mit ihr habe ich mich verfahren.
Einmal, weil sie die Baustelle nicht kannte, wegen der die Straße gesperrt war.
Sie sagte weiter geradeaus, in derselben ruhigen Stimme, bis geradeaus ein rot-weißes Gitter war.
Ein anderes Mal, weil ich eine Kleinigkeit falsch eingegeben hatte.
Die App führte mich tadellos und ohne Zögern. Aber an den falschen Ort.
Im ersten Fall war die Welt neuer als ihre Daten.
Im zweiten tat sie genau, was ich eingab, und wusste nicht, was ich meinte.
Bemerkenswert ist das Wort dafür.
Sich verfahren.
Es steht für den Irrtum auf der Straße, und es steht für das Verfahren, das Ablaufschema, nach dem Maschinen arbeiten.
Wer sich verfährt, folgt einem Verfahren an den falschen Ort.
Die Waschmaschinenfrage
Neulich saß ich in einem Vortrag über KI und das, was Menschen künftig brauchen.
Es war ein inspirierender Vortrag über menschliche Skills angesichts von KI.
Dann stellte die Referentin eine Frage und ließ sie offen.
Ich nehme sie als Waschmaschinenfrage mit: Wenn eine Maschine mir etwas abnimmt, warum sollte ich es dann noch selbst tun?
Ihr Beispiel war die Mail, die ein Sprachmodell für mich schreibt.
Ich möchte die Frage nicht offen lassen.
Die erste Hälfte der Antwort ist einfach: Ich will nicht zurück zum Waschbrett.
Niemand muss mir das Waschbrett als Charakterschule verkaufen.
Bei der Wäsche liegt der Wert im Ergebnis.
Sie ist sauber, ob Hand oder Maschine, und die Hose fragt nicht, wer sie gewaschen hat.
Bei der Mail an die Freundin ist es umgekehrt.
Ihr Wert liegt darin, dass ich sie geschrieben habe.
Würde sich etwas ändern, wenn die andere Seite wüsste, wer es gemacht hat?
Bei der Wäsche nein.
Beim Dienstplan nein.
Bei der Mail an die Freundin ja.
Bei einem Brief an jemanden, dessen Mann gestorben ist, erst recht.
Der Test ist grob, und es gibt Mails, bei denen ich es nicht weiß.
Aber er stellt die Frage richtig herum: nicht, was ich loswerden kann, sondern wo der Wert liegt: darin, dass ich es tue.
Was es braucht, wenn die App sich irrt
Nochmal zurück zur Frage, was wir in Zukunft an Skills brauchen angesichts von KI?
Eine Liste von Fähigkeiten wollte ich nicht.
Sie wäre in zwei Jahren überholt, weil die Maschine vieles davon dann vielleicht auch kann.
Darum frage ich anders.
Nicht: Was kann der Mensch, was die Maschine nicht kann?
Sondern: Wo steht der Mensch, wo die Maschine nicht steht?
Der Unterschied liegt dann nicht in der Fähigkeit, sondern in der Lage.
Ich bin derjenige, der in dem Auto sitzt, und es ist mein Abend, der verloren geht, wenn es schiefgeht.
Vor diesem Hintergrund habe ich an den beiden Irrfahrten gelernt, was es braucht.
Und jedes Mal auch, was uns unterscheidet.
Es braucht Erfahrung, die mir die Maschine nicht abnehmen kann.
Die Baustelle war nicht die Schuld der App, sie wusste einfach nichts davon.
Die Frage war, ob ich noch einen Blick hatte, der dem Gitter vorausgeht: Die Straße wird schmal, es fährt keiner mehr.
Das kann man sich nicht anlesen.
Es wächst nur dort, wo man selbst gefahren ist.
Das steckt schon im Wort.
Erfahrung kommt von fahren.
Im Althochdeutschen heißt irfaran, um das Jahr 800, noch: reisen, durchziehen, etwas erreichen.
Wer etwas erfuhr, war unterwegs.
Erst nach und nach kippt die Bedeutung von „durchreisen“ zu „kennenlernen, erleben“: Wissen, das man sich auf einem Weg angeeignet hat.
Und fahren war damals nicht Autofahren, sondern jede Art, sich fortzubewegen, zu Fuß, zu Pferd, auf dem Wasser.
Wer losgeht, fährt im alten Sinn.
Eine Maschine hat Daten über das Gelände.
Sie ist nie hindurchgefahren.
Das unterscheidet uns: Ich kenne die Straße von innen, mit Gleichgewicht, Gänsehaut und einem schlechten Gefühl, bevor ich weiß, warum.
Ob eine Maschine das einmal nachahmen kann, weiß ich nicht.
Aber auch dann hätte sie es nicht erlebt.
Es braucht ein Ziel, das ich selbst benennen kann.
Die App fuhr mich tadellos an den falschen Ort, weil ich es ihr so gesagt hatte.
Ob es der Ort war, an den ich wollte, konnte sie nicht wissen.
In dem Vortrag sagte ein Zuhörer sinngemäß: Wer nicht weiß, was er will, dem kann es niemand abnehmen.
Das klingt harmlos.
Es ist unbequem, denn je besser die Maschine fährt, desto mehr hängt an dem, was ich eintippe.
Das unterscheidet uns: Die Maschine hat Aufträge.
Ich habe Wünsche, und sie sind manchmal widersprüchlich, auch mir selbst gegenüber.
Ein Ziel, das ich nicht benennen kann, ist darum kein Mangel an Eingabe.
Es ist ein Teil davon, ein Mensch zu sein, der erst unterwegs merkt, wohin er eigentlich will.
Die Referentin hat das Wollen eine grundmenschliche Kompetenz genannt.
Ich würde sagen: Es ist keine Kompetenz, es ist eine Lage, in der man nicht fertig ist.
Es braucht Menschen, die das Gelände kennen.
Wer von der Baustelle wusste, wohnt dort.
Die Frau am Zaun hat uns nicht gesagt, was wir hören wollten.
Sie hat gesagt, wie es ist, und dabei gelacht.
Im Vortrag hieß es, solche Programme merken sich, wie ich bin und was ich gern höre.
Ein Mensch am Zaun merkt sich nichts von mir.
Er sieht nur, dass ich mich verfahren habe.
Das unterscheidet uns: Der Mensch am Zaun ist betroffen.
Es ist sein Weg, seine Baustelle, sein Staub vor der Tür.
Eine Maschine rät mir, was ich hören will, und merkt sich meinen Geschmack.
Ein Mensch dort kann mir sagen, was ich nicht hören will, weil er neben dem Gitter wohnen muss, wenn ich längst weitergefahren bin.
Das ist keine Antwort für alle.
Es ist die, die ich an zwei Straßen gelernt habe.
Zu spät ankommen
Es gibt eine Strecke, die ich im Sommer gern fahre.
Das Navi sagt: Folgen Sie dem Straßenverlauf.
Dann sage ich ihm, bitte nicht.
Ich biege ab, auf einen Weg, den ich nicht kenne, und ich weiß nicht, wie es nun nach Hause weitergeht.
Vielleicht ist das alles, was ich bisher weiß: dass ich mir manchmal erlauben möchte, zu spät anzukommen.
Und das ist eine Erfahrung, die KI nicht machen kann.
Aber ich.

