Teología del pueblo. Befreiungstheologie in der Klinik.

Eine Frau, Anfang fünfzig, ist seit einigen Wochen in der Reha. Depression. Wir kommen ins Gespräch, und irgendwann fragt sie mich, etwas zögernd: „Glauben Sie, dass meine Depression vielleicht mit früheren Leben zusammenhängt? Ich habe da mal etwas gelesen.“ Sie schaut mich an. Nicht provokativ – suchend.


Ich höre zu. Und merke: Da ist etwas. Eine Sprache für das, was ihr widerfährt. Die Menschen, mit denen ich spreche, bringen ihre religiösen Vorstellungen mit, ihre Spiritualität – manchmal ganz fragmenthaft, manchmal durch ein ganzes Leben geformt. Aber gleichzeitig regt sich in mir Widerspruch. Denn diese Vorstellung klingt nach Strafe – auch wenn sie es vielleicht nicht so meint. Was bin ich jetzt? Zeuge? Gesprächspartner? Oder soll ich widersprechen?


Ich habe dafür inzwischen einen Begriff gefunden – oder er hat mich gefunden. Leutetheologien. Die Theologin Monika Kling-Witzenhausen verwendet ihn: Jeder Mensch, der über Sinn, Gott, Tod, Schuld nachgedacht hat, besitzt eine persönliche Theologie.¹ Nicht als Vorstufe zur richtigen. Sondern als Theologie.

Ich weiß, was dagegen spricht. Aber dann denke ich an die Frau in der Reha. Sie hat nachgedacht. Sie hat gerungen. Ihr Stottern, ihr Suchen, ihr „Ich habe da mal etwas gelesen“ – das ist kein Mangel. Das ist ihr Zugang.

Und trotzdem: Ich bin nicht sicher, ob ich ihr einfach zustimmen soll.

Die lateinamerikanische Befreiungstheologie – besonders die argentinische teología del pueblo – hat früh darauf bestanden: Glaube entsteht im Volk, nicht nur in der Akademie. Die Glaubenserfahrungen einfacher Menschen sind kein Rohmaterial, das erst theologisch veredelt werden muss. Sie sind selbst ein Ort, an dem etwas aufleuchtet. Das hat etwas in mir gelockert – den Reflex, der immer schon weiß, wie es richtig geht. Ich bin nicht der Korrektor. Aber bin ich deshalb der Spiegel, der alles zurückwirft?

Sokrates hat seine Rolle Hebammenkunst genannt – Mäeutik. Zur Welt bringen, was im anderen schon da ist. Das Bild gefällt mir. Wirklich. Aber es hat einen Haken. Denn was, wenn das, was zur Welt kommt, nach Strafe riecht? Was, wenn die Vorstellung, die jemanden trägt, ihn gleichzeitig festhält – in Schuld, in Angst, in einem Gottesbild, das erdrückt statt befreit? Hebammen schweigen nicht, wenn etwas schiefläuft. Und ich auch nicht.


Manche Theologien machen krank. Ich sitze am Bett von Menschen, deren Gottesbild ein Richter ist, der jede Schwäche notiert. Die glauben, ihre Krankheit sei Strafe. Die aus Angst beten, nicht aus Vertrauen. Manchmal ist das geistlicher Missbrauch – auch wenn er fromm klingt, auch wenn er gut gemeint war. Auch wenn er aus einer Tradition kommt, die ich kenne und schätze. Luther hat Großes gedacht – und er hat auch Sätze geschrieben, die Menschen erdrückt haben.

Wo greife ich ein? Nicht als Richter. Nicht mit dem Gestus des Besserwissers. Aber ich schweige nicht. Ich frage: „Wie ist das für Sie – wenn Sie so über Gott denken?“ Manchmal reicht das. Manchmal nicht.

Die Menschen wissen, dass ich evangelischer Pfarrer bin. Ich schulde ihnen meine Position. Ich bin Zeuge eines Evangeliums, das von Gnade spricht, nicht von Leistung. Von Annahme, nicht von Verdienst. Das darf ich nicht verstecken, nur weil ich niemanden überrumpeln will. Zeuge sein heißt nicht: missionieren. Es heißt: mit dem eigenen Gesicht im Gespräch bleiben.

Es gibt einen Unterschied zwischen Fremdheit und Schaden. Manche Vorstellungen sind mir theologisch fremd – und trotzdem geben sie jemandem Halt. Das ist etwas anderes als eine Theologie, die Menschen in Schuldgefühlen gefangen hält oder Abhängigkeit erzeugt. Diese Unterscheidung ist nicht immer leicht. Aber sie ist nötig.


Wir leben in einer Zeit der theologischen Vielfalt. Patchwork-Spiritualität ist keine Ausnahme mehr, sie ist die Regel. Christliche Fragmente, östliche Elemente, esoterische Bilder, psychologische Deutungen – alles fließt zusammen. Das kann man beklagen. Oder man kann fragen: Was suchen Menschen darin? Was trägt? Was hält stand, wenn es ernst wird?

Ambiguität aushalten – das ist vielleicht die Grundkompetenz des Seelsorgers in der Moderne. Nicht jede Spannung auflösen. Nicht jede Fremdheit einebnen. Und gleichzeitig die eigene Theologie nicht verleugnen.

Die Frau mit ihrer Frage nach den früheren Leben hat mich gezwungen, neu darüber nachzudenken, wie ich selbst über Schuld und Schicksal denke. Das war unbequem. Ich bin froh, dass sie gefragt hat.

Wer da eigentlich wen bildet – das bleibt offen. Und das ist, glaube ich, richtig so.


¹ Monika Kling-Witzenhausen: Leutetheologien – Das Suchen und Finden der Einzelnen und ihre Würdigung, in: Feinschwarz.net (paraphrasiert nach dem Originalartikel). Vgl. auch dies.: Was bewegt Suchende? Leutetheologien empirisch-theologisch untersucht (Praktische Theologie heute 176), Stuttgart 2020.