Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Hesekiel 36,26
Hesekiel sagt diese Worte vor 2500 Jahren zu einem Volk, dem der Mut für die Zukunft zu entschwinden droht. Die Israeliten leben im Exil in Babylon, weit weg von ihrer Heimat. Sie stehen ohnmächtig vor ihrer Situation und bringen nicht die Kraft auf, sich selbst zu verändern.
Da ist diese Zusage Gottes wie ein Zuspruch der Befreiung: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“
Und so, wie dieses Wort damals auf verunsicherte Menschen im Exil traf, so trifft es heute auf eine verunsicherte Kirche. Die Kirchenmitgliedschaftserhebung zeigt, was Soziologen schon lange voraussagen: Die meisten Menschen in Deutschland wollen nicht mehr einer der großen Kirchen angehören. In einer hochindividualisierten Gesellschaft ist Kirchenmitgliedschaft nicht mehr selbstverständlich.
Unsere Welt ist in einem atemberaubend rasanten Wandel. Es gibt eine lebendige Frage nach Spiritualität, nach Sinn, nach Hoffnung. Aber es gibt auch die Anfrage, ob ausgerechnet Kirche tragfähige Antworten zu bieten hat.
Hat Kirche eine Zukunft? Ich bin überzeugt: Ja. Aber vielleicht nicht in den Formen, die uns heute so wichtig erscheinen. Kirche wird sich wandeln – wie sie es in 2000 Jahren immer wieder getan hat. Drei Gedanken dazu, wie diese Kirche aussehen könnte.
1. Die Kirche der Zukunft wird geistlich und herzlich sein
Die Kirche der Zukunft wird frommer und spiritueller werden, geistlicher und herzlicher.
Denn Gnade wird uns geschenkt. Ein neues Herz, einen neuen Geist schenkt uns Gott. Aber wir brauchen Räume, damit dieses Herz schlagen kann, damit dieser Geist sich entfalten kann.
Räume für Gebet und Stille. Für Lobpreis und Klage. Für das Hören und das Reden.
Ich denke an eine Frau im Hospiz, die mich bat, mit ihr zu beten. Sie war nicht fromm aufgewachsen, hatte nie gebetet. Aber in der Nähe des Todes suchte sie nach Worten. Wir saßen zusammen, hielten Stille, sagten leise ein paar Worte zu Gott. Am Ende sagte sie: „Das hat mir Atem gegeben.“
Das braucht eine Kirche der Zukunft: Räume, in denen Menschen den Geist Gottes spürbar machen – und das Herz Jesu. Räume, in denen wir Gemeinschaft haben können, miteinander und mit Christus. In denen vom Leben die Rede ist, vom neuen und vom alten. In denen wir feiern, was Gott uns schenkt.
2. Die Kirche der Zukunft wird eine seelsorgende Kirche sein
Die Reformation war an ihrem Beginn eine Seelsorgebewegung. Sie begann mit der Frage nach der Angst der Menschen. Daraus hat sie ihre Kraft entwickelt.
Ich glaube, dass Kirche auch heute nur dann eine Zukunft hat, wenn sie eine seelsorgende Kirche ist. Eine Kirche, die sich kümmert um die Not, in der Menschen gefangen sind.
Was das sein kann, erfahren wir im eigenen Leben. Ich bin vielleicht müde, weil mich die Sorge um so vieles herunterzieht. Vielleicht ganz persönlich, weil es Unfrieden in der Familie gibt und die Verhakungen sich einfach nicht lösen. Weil eine Krankheit mir Angst macht. Oder weil ein Gefühl der Ermattung oder Traurigkeit da ist, das genau deswegen so viel Macht hat, weil ich keinen Grund dafür finden kann. Was ist, wenn ich dieser Beschleunigung in meinem Leben nichts entgegensetzen kann?
Menschen beizustehen in diesen Fragen – das ist unser Auftrag.
Aber wenn wir Kirche für andere sein wollen, dann dürfen wir unseren Blick nicht nur nach innen richten. Nicht nur unsere Kreise, unsere Gottesdienste, unsere Gemeindeglieder anschauen. Nicht uns von der Angst treiben lassen, dass nicht genügend Menschen zu unseren Angeboten kommen.
Sondern Sorge darum haben, dass wir nicht genügend bei den Menschen sind. So wie Christus bei den Menschen war.
Ich denke an einen Mann in der Klinik, der sagte: „Ich bin nicht gekommen, weil ich zur Kirche gehöre. Ich bin gekommen, weil Sie Zeit hatten. Weil Sie da waren.“ Das ist Seelsorge: Da sein. Präsent sein. Aushalten, was nicht zu erklären ist.
Wir sollen da sein, wo Christus ist: Bei den Menschen. Im Hospiz, in der Klinik, auf der Straße, im Café. Kirche hat Zukunft, wo sie dies im Blick hat.
3. Die Kirche der Zukunft wird eine politische und diakonische Kirche sein
Kirche wird nur eine Zukunft haben, wenn sie den Blick für die Welt nicht verliert. Wenn sie im besten Sinne politische Kirche ist – Kirche mit Sorge um die polis, die Stadt, das Dorf, das Quartier, die Nachbarschaft, die Welt.
Die Worte, die der Prophet Hesekiel seiner Weissagung vom neuen Herz und dem neuen Geist hinzufügt, zeigen, welche Aussicht damit verbunden ist: „Und ihr sollt wohnen im Lande […] Ich will euch von all eurer Unreinheit erlösen und will das Korn rufen und will es mehren und will keine Hungersnot über euch kommen lassen.“
Es tut einem Land gut, wenn es Solidarität, Mitgefühl und Achtsamkeit für die anderen stark werden lässt. Es tut einem Land gut, wenn es nicht aus der Angst, sondern aus dem Vertrauen leben kann.
Auch die Reformation kannte diese Sorge um das Miteinander. Schon bald entstanden in den Städten der Reformation erste Armenkassen, ein Fürsorgewesen, um Armut zu überwinden. Die Bedürftigen sollten nicht mehr auf das Wohlwollen einzelner Wohltäter angewiesen sein, sondern alle sollten Verantwortung übernehmen. Es entstand eine erste organisierte Diakonie.
Auch wenn unsere Kirche kleiner wird, auch wenn unsere Welt säkularer wird – wir haben einen Auftrag für das Ganze. Für die Straße, in der wir leben. Für die Nachbarschaft in Städten und Dörfern. Für die Fremden am Rande, für die Verlorenen. Für die Welt, in der wir leben.
Ich denke an eine Gemeinde, die ihre Kirche an zwei Abenden in der Woche als Wärmestube für Obdachlose öffnet. Keine Andacht, kein Programm – nur Kaffee, Suppe, ein warmer Raum. Das ist Diakonie. Das ist politisch. Das ist Kirche.
Wenn wir aus lauter Sorge um unseren eigenen Bestand die anderen aus dem Blick verlieren, dann wird diese Kirche keine Zukunft haben.
Kirche entsteht, wo das Evangelium lebendig wird
Ich bin überzeugt, dass Kirche eine Zukunft hat. Vielleicht nicht in den Formen, die uns heute so wichtig erscheinen. In diesen 500 Jahren seit der Reformation, in den 2000 Jahren seit dem Pfingstereignis, hat Kirche sich immer wieder gewandelt.
Es wird unsere Aufgabe – und die Aufgabe kommender Generationen – sein, das Evangelium lebendig werden zu lassen. Und wo das geschieht, da entsteht Kirche. In neuen Formen.
Eine Kirche mit geistlichem Leben.
Eine seelsorgende Kirche.
Eine diakonische und politische Kirche.
Das ist keine Utopie. Das ist möglich. Das geschieht schon – in kleinen Räumen, in stillen Momenten, in mutigen Schritten.