Auf halber Treppe. Über die Würde des Unfertigen


Es gibt Sätze, die einen nicht mehr loslassen. Fulbert Steffensky, Theologe und damals fast 85 Jahre alt, sprach sie bei einem Vortrag über das Sterben und das Alter:

„Die Süße des Lebens liegt nicht im ganzen Gelingen. Wir sind Fragment. Wir kommen unsere Lebenstreppen nur halb hinauf.“

Und dann zitierte er ein englisches Kinderlied:

Auf halber Treppe sitzen wir, / es ist nicht oben, nicht unten. / Auf halber Treppe sitzen wir.

Ich lese das — und atme auf.


Die Tyrannei der Vollständigkeit

Wir leben in einer Kultur, die das Fertige feiert. Den Abschluss. Den Gipfel. Das vollendete Werk. Wer nicht oben ankommt, hat versagt — oder zumindest nicht genug gewollt, nicht genug gearbeitet, nicht genug geglaubt. Diese stille Tyrannei sitzt tief. Sie sitzt auch in mir.

Ich merke es an den Sätzen, die ich mir selbst sage: Eigentlich müsste ich…Wenn ich nur…Irgendwann werde ich… Lauter Versprechen an ein zukünftiges Ich, das vollständiger sein wird als das gegenwärtige. Lauter kleine Entwertungen des Jetzt.

Steffensky nennt das klar beim Namen: „Von keinem religiösen oder profanen Vollkommenheitsterror lasse ich mir das Halbe und nicht zu Ende Gebrachte entwerten.“ Das ist kein resignierter Satz. Es ist ein Satz der Befreiung.


Was wir von der halben Treppe aus sehen

Auf halber Treppe sitzt man nicht schlecht. Man sieht nach oben — ja. Aber man sieht auch nach unten: die Stufen, die man bereits gegangen ist. Die Wege, die man zurückgelegt hat. Die Mühen, die Begegnungen, die kleinen und großen Momente, die das Leben geformt haben.

Ich denke an Texte, die ich angefangen und nicht beendet habe. An Gespräche, die offen geblieben sind. An Beziehungen, die nicht das geworden sind, was ich mir erhofft hatte. An Glaubensfragen, auf die ich noch keine Antwort habe — und vielleicht nie haben werde. All das liegt auf der Treppe. Unfertig. Halb.

Und doch: Es ist da. Es hat Gewicht. Es hat Farbe. Es hat — ja, vielleicht — seine eigene Süße.


Fragment als theologische Kategorie

Der Marburger Theologe Henning Luther hat dafür einen Begriff geprägt, der mich seither begleitet: „Leben als Fragment.“ Nicht als Klage, sondern als Beschreibung. Der Mensch ist kein vollendetes Werk — er ist ein Bruchstück. Aber Luther geht noch einen Schritt weiter: Wir sind nicht nur ein „Fragment aus Vergangenheit“, sondern auch ein „Fragment aus Zukunft“ . Im Schmerz des Unfertigen steckt immer auch Sehnsucht. Hoffnung. Eine Bewegung nach vorn, die über uns selbst hinausweist.

Das Unfertige ist nicht das Tote. Es ist das Lebendige, das noch unterwegs ist.

Das Christentum kennt das Fragment. Es kennt den unvollendeten Menschen, der trotzdem geliebt wird. Es kennt die Gnade, die nicht auf Vollständigkeit wartet. Steffensky sagt es so: „Gott ist ganz, und das genügt.“ Das ist keine Vertröstung. Es ist eine Entlastung. Ich muss nicht ganz sein — weil Gott es ist.


Die Erlaubnis, jetzt schon wirklich zu sein

Das alles ist keine Einladung zur Gleichgültigkeit. Es ist etwas anderes: Es ist die Erlaubnis, jetzt schon wirklich zu sein. Nicht erst, wenn man fertig ist. Nicht erst, wenn man oben angekommen ist.

Ich sitze noch immer auf meiner halben Treppe. Manchmal mit Ungeduld. Manchmal mit einer stillen Dankbarkeit, die ich mir selbst kaum erklären kann. Dankbarkeit für die Stufen, die ich gegangen bin. Für die Menschen, die mitgegangen sind. Für das, was halb gelungen ist — und trotzdem zählt.

Steffensky schreibt am Ende seines Vortrags: „Dankbarkeit also für die Hälfte der Treppe, auf die wir kommen durften!“ Das ist kein frommer Trost. Das ist gelebte Theologie.


Eine offene Frage zum Schluss

Was wäre, wenn die halbe Treppe nicht der Ort des Scheiterns ist — sondern der Ort, von dem aus das Leben erst wirklich sichtbar wird?

Wo sitzt du gerade — und was siehst du von dort aus?


Quellen:

  • Fulbert Steffensky, „Fassen, was nicht zu fassen ist“, Vortrag bei den 19. Süddeutschen Hospiztagen, Hohenheim, 4.–6. Juli 2018, S. 2 u. 13.
  • englisches Traditionslied, deutsche Übersetzung nach Steffensky (ebd.)
  • Henning Luther, „Leben als Fragment“, in: Wege zum Menschen, 43. Jg. 1991, S. 262–273.