Es regnete, als ich es sah. Natürlich regnete es – es war Schottland.
Ich stand vor einem keltischen Hochkreuz, irgendwo auf einer der Inseln, Wind im Gesicht, Gras nass unter den Füßen. Ich kannte dieses Symbol schon. Hatte es in Büchern gesehen, auf Postkarten, in Kirchen. Aber in diesem Moment – draußen, allein, mit dem Regen und dem Licht, das trotzdem irgendwie durch die Wolken kam – hat es mich anders angeschaut als sonst.
Es hat mich begleitet auf dieser Reise. Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber es war da. Auf Friedhöfen, in kleinen Kapellen, in Stein gemeißelt am Wegesrand. Immer dasselbe: ein Kreuz, das ein Kreis umschließt. Vier Arme, gleichmäßig. Der Kreis, der alles zusammenhält.
Ich habe angefangen, es als Bild zu lesen. Als Bild für etwas, das ich mit Worten allein nicht fassen kann: Spiritualität.
Was Spiritualität ist – und was sie nicht ist
Spiritualität ist kein Programm. Kein Kurs, den man belegt. Kein Zustand, den man erreicht, wenn man nur diszipliniert genug ist.
Sie ist eher das, was Paulus meint, wenn er schreibt: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“ (Röm 8,26, Lutherbibel 2017)
Unaussprechliches Seufzen. Das ist kein triumphaler Satz. Das ist ein ehrlicher. Er sagt: Es gibt etwas in uns, das sich nach Gott ausstreckt – auch wenn wir keine Worte dafür haben. Auch wenn wir nicht wissen, wie wir anfangen sollen.
Das keltische Sonnenkreuz hat mir geholfen, dieses Seufzen zu verstehen. Es hat drei Ebenen. Und jede Ebene beschreibt etwas, das ich kenne.
Der horizontale Arm – was ich gestalten kann
Der horizontale Arm des Kreuzes: das ist der Bereich, den ich selbst formen kann. Meine Rituale. Meine Aufmerksamkeit. Meine Übungen.
Ein stiller Moment am Morgen, bevor der Tag beginnt. Ein Tischgebet, das nicht fromm klingt, sondern wahr. Das Anzünden einer Kerze. Ein Spaziergang, bei dem ich nicht höre, sondern schaue. Das Lesen eines Psalms – nicht um ihn zu verstehen, sondern um ihn zu hören.
Fulbert Steffensky hat einmal gesagt, Menschen würden von außen nach innen gebaut. Das hat mich überrascht – und dann befreit. Ich muss nicht erst innerlich bereit sein, um zu beten. Ich kann anfangen. Die Form trägt, auch wenn die innere Kraft fehlt. Das Ritual ist, sagt Steffensky, der Leib der Seele.
Manche finden ihren Rhythmus im täglichen Gebet. Andere brauchen größere Auszeiten: Tage im Kloster, eine Pilgerreise – oder eben eine Reise nach Schottland, auf der ein altes Kreuz plötzlich anfängt zu sprechen. Manche brauchen Gemeinschaft: einen Gottesdienst, eine Gruppe, ein Gespräch, das tiefer geht als der Alltag.
Und wenn gerade gar nichts geht? Dann ist das in Ordnung. Der horizontale Arm ist kein Muss. Er ist ein Angebot. Kein Leistungsnachweis.
Der vertikale Arm – was mir geschieht
Dann gibt es Erfahrungen, die ich nicht mache. Die mir geschehen.
Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das Resonanz. Er meint damit Momente, in denen die Welt uns anruft – und wir antworten. Momente, in denen zwischen mir und etwas außerhalb von mir eine Verbindung entsteht, die ich nicht geplant habe. Die mich berührt und verändert. Die mich – das ist Rosas entscheidende Formulierung – angeht.
Das Gegenteil davon ist Stummheit. Die Welt ist da, aber sie sagt mir nichts. Ich funktioniere, aber ich werde nicht berührt. Ich schaue, aber ich sehe nicht.
Rosa betont: Resonanz lässt sich nicht herstellen. Man kann sich ihr öffnen. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher wird. Aber erzwingen kann man sie nicht. Sie geschieht – oder sie geschieht nicht.
Das ist theologisch präzise. Jesus nennt es den Geist: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.“ (Joh 3,8, Lutherbibel 2017)
Unverfügbar. Nicht planbar. Nicht herstellbar. Und doch: spürbar.
Ich erinnere mich an einen Abend auf dieser Schottlandreise. Ich saß in einer kleinen Kapelle, allein. Draußen der Wind. Drinnen Stille. Und dann – ich kann es nicht anders sagen – war da etwas. Nicht laut. Nicht visionär. Aber die Stille hatte plötzlich eine Qualität, die sie vorher nicht hatte. Sie war nicht leer. Sie war voll.
Das ist der vertikale Arm. Das, was von irgendwo kommt, das ich nicht kenne. Das, was mich anruft – und das ich, wenn ich Glück habe, höre.
Ich denke an die Emmaus-Geschichte. Zwei Menschen gehen einen Weg, niedergeschlagen, ohne Hoffnung. Und dann geht jemand mit. Sie merken es erst, als er schon weg ist: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege?“ (Lk 24,32, Lutherbibel 2017)
So ist das. Man merkt es oft erst hinterher. Dass da jemand mitgegangen ist. Dass die Welt einen Moment lang gesprochen hat.
Der Kreis – woher ich komme
Um die beiden Arme legt sich ein Kreis. Er verbindet, was ich gestalte, mit dem, was mir geschenkt wird. Er schließt nichts aus. Er hält alles zusammen.
Dieser Kreis – das ist für mich vor allem die Tradition, aus der ich komme. Die Väter und Mütter des Glaubens. Die Heiligen Schriften. Die langen Geschichten von Menschen, die vor mir gesucht haben – und die gefunden haben, und die nicht gefunden haben, und die trotzdem weitergegangen sind.
Augustinus schreibt zu Beginn seiner Bekenntnisse: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ (Confessiones I,1) Hildegard von Bingen besingt die Grünkraft Gottes – die Viriditas –, die alles Lebendige durchpulst. Die Psalmen klagen, ohne dass jemand sie zum Schweigen bringt. Paulus schreibt aus dem Gefängnis und spricht trotzdem von einem Frieden, der „allen Verstand übersteigt“ (Phil 4,7, Lutherbibel 2017).
Diese Menschen haben Worte hinterlassen für das, was ich selbst kaum benennen kann. Sie haben Bilder gefunden für Erfahrungen, die stumm geblieben wären ohne sie. Sie sind meine Zeugen. Nicht weil sie alles richtig gemacht hätten. Sondern weil sie ehrlich waren. Weil sie gerungen haben. Weil sie nicht aufgehört haben zu suchen.
Steffensky hat in einem Interview einmal gesagt, ihm würden die Traditionen immer wichtiger, weil er mit seinem eigenen Glauben allein nicht auskomme. Und dann dieser Satz: „Der Psalm ist der Rollator meines hinkenden Glaubens.“ Er müsse nicht Meister seines ganzen Glaubens sein. Die Tradition trage ihn – sie sei, so Steffensky, genetzt mit den Tränen und Jubelrufen derer, die vor ihm waren.
Das trifft es. Die Tradition trägt, wenn ich selbst nicht mehr stehen kann. Sie gibt mir Worte, wenn mir die eigenen fehlen. Sie erinnert mich daran, dass ich nicht der erste bin, der zweifelt – und nicht der letzte, der trotzdem hofft.
Und doch: Der Kreis ist nicht die Institution. Er ist nicht die Kirche als Verwaltungsapparat. Er ist die lebendige Überlieferung – das, was von Generation zu Generation weitergegeben wird, weil es trägt. Weil es wahr ist. Weil es Leben gibt.
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Mi 6,8, Lutherbibel 2017)
Das haben Menschen vor mir gewusst. Und sie haben es mir weitergegeben.
Was das Kreuz zusammenhält
Das keltische Sonnenkreuz ist kein Rezept. Es ist ein Bild.
Es sagt: Spiritualität hat eine horizontale Dimension – das, was ich einübe und gestalte. Eine vertikale Dimension – das, was mir geschieht, was mich anruft und angeht, was ich nicht herstellen kann. Und einen Kreis, der beides umschließt – die Tradition, die Väter und Mütter des Glaubens, die Heiligen Schriften, die mir helfen, das alles zu verstehen und zu benennen.
Keiner dieser drei Bereiche ist wichtiger als die anderen. Keiner ersetzt die anderen. Wer nur horizontal lebt – nur Rituale, nur Disziplin –, dem fehlt die Überraschung. Wer nur auf den vertikalen Arm wartet – nur auf Resonanz, nur auf Erfahrung –, dem fehlt der Boden. Und wer nur im Kreis lebt – nur in der Tradition, nur in den Texten –, dem fehlt die eigene Begegnung.
Das Kreuz hält alles zusammen. Nicht perfekt. Nicht vollständig. Henning Luther hat einmal geschrieben, das Fragment sei nicht das Gegenteil des Ganzen, sondern ein Verweis darauf. Wir haben das Ganze nicht. Aber wir haben Fragmente – Momente, Erfahrungen, Worte –, die darauf zeigen.
Vielleicht ist das genug.
Eine offene Frage zum Schluss
Welcher Arm des Kreuzes ist gerade der schwächste in deinem Leben?
Der horizontale – fehlen dir Rituale, Rhythmen, Formen, die tragen?
Der vertikale – wartest du auf eine Resonanz, die nicht kommt? Auf ein Angerufen-Werden, das ausbleibt?
Oder der Kreis – hast du den Faden zur Tradition verloren? Die Stimmen der Väter und Mütter des Glaubens, die dir einmal etwas gesagt haben?
Ich frage das nicht, um eine Aufgabe zu stellen. Ich frage es, weil ich diese Fragen selbst kenne. Und weil ich glaube: Das Benennen ist schon ein Anfang. Manchmal sogar ein Gebet.
Quellen und weiterführende Lektüre
- Augustinus: Confessiones (Bekenntnisse), Buch I, Kapitel 1, ca. 397/400 n. Chr. – dt. Ausgabe z.B.: Reclam, Stuttgart 2009.
- Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp, Berlin 2016.
- Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit, Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2018.
- Fulbert Steffensky: Schwarzbrot-Spiritualität, Radius-Verlag, Stuttgart 2005.
- Fulbert Steffensky, Interview: „Der Psalm ist der Rollator meines hinkenden Glaubens“, in: Glaube+Heimat (Mitteldeutsche Kirchenzeitung), 24. Januar 2018, geführt von Wolfgang Noack und Rainer Brandt. Online: meine-kirchenzeitung.de
- Henning Luther: Religion und Alltag. Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts, Radius-Verlag, Stuttgart 1992.
- Hildegard von Bingen: Scivias, ca. 1151 n. Chr. – dt. Ausgabe: Beuroner Kunstverlag 2012.
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