Unter weitem Himmel. Warum ich Christ bin und von anderen lerne.

Ein älterer Mann, muslimischen Glaubens, liegt im Hospiz. Er betet. Leise, mit geschlossenen Augen, die Hände auf der Bettdecke. Ich sitze dabei. Ich sage nichts. Und ich spüre: Hier ist Gott. Nicht trotz seiner Sprache. Nicht jenseits seines Glaubens. Hier, in diesem Raum, in diesem Gebet.

Ich bin Christ. Das ist meine Heimat, meine Sprache, mein Kompass. Aber was ich in diesem Zimmer erlebe, sprengt die Kategorien, mit denen ich aufgewachsen bin. Und genau das ist es, worüber ich hier nachdenken möchte.


Das Evangelium als Muttersprache – nicht als Monopol

Es gibt einen Unterschied, den ich für entscheidend halte: den Unterschied zwischen Muttersprache und Monopol.

Das Evangelium ist meine Muttersprache. Nicht im sentimentalen Sinne von Kindheitserinnerungen und Kirchengeruch – sondern im tiefsten Sinne: Es ist die Sprache, in der ich Gott erkenne. In der Gestalt Jesu zeigt sich mir, wie Gott ist. Nicht abstrakt, nicht als kosmisches Prinzip, sondern konkret, in einer Geschichte, die mich trägt.

Jesus zeigt mir: Gott macht sich klein. Gott geht mit. Die Menschwerdung ist keine Strategie – sie ist die Form seiner Liebe. Einer, der sich nicht von oben herab einschaltet, sondern der eintritt in das Begrenzte, das Körperliche, das Sterbliche. Der Gott des Evangeliums ist kein Gott der Lösungen. Er ist ein Gott des Mitgehens.

Das Kreuz zeigt mir: Gott leidet mit. Er erklärt das Leid nicht weg. Er tritt in es ein. Das ist keine tröstliche Idee – das ist eine ungeheure Zumutung. Und zugleich: das Einzige, was ich im Hospiz wirklich sagen kann, wenn alle anderen Sätze verstummen.

Die Auferstehung zeigt mir: Gott kehrt nicht zurück. Er schafft Neues. Das ist kein Happy End, das die Tragödie ungeschehen macht. Es ist eine Verwandlung – radikal, unverfügbar, jenseits meiner Kontrolle.

Das ist mein Kompass. Meine Muttersprache.

Aber Muttersprache ist nicht Monopol.

Ich glaube nicht, dass Gott nur zu Christen spricht. Ich glaube nicht, dass das Heil am Kirchenportal endet. Ich halte an Christus fest – und ich bin bereit zu lernen. Beides gehört zusammen. Das eine ohne das andere wäre entweder Arroganz oder Beliebigkeit.


Gottes Spuren in anderen Religionen

Wenn ich einem Muslim begegne, der im Gebet Halt findet – dann glaube ich: Da ist Gott.

Nicht: „Das ist auch irgendwie göttlich.“ Nicht: „Da ist etwas Transzendentes im Spiel.“ Sondern: Da ist Gott. Derselbe Gott, dem ich im Evangelium begegnet bin. Nur in einer anderen (Mutter-)Sprache.

Wenn eine Anthroposophin von kosmischen Rhythmen spricht, die sie tragen – dann frage ich mich: Ist das vielleicht das, was ich „Heiliger Geist“ nenne? Die Kraft, die weht, wo sie will – und die sich nicht an Denominationsgrenzen hält?

Wenn ein Buddhist das Leid durchschreitet, ohne es wegzuerklären – wenn er schweigt, wo andere Sätze machen – dann erkenne ich in dieser Haltung etwas, das ich aus dem Evangelium kenne: die Würde des Aushaltens. Die Haltung Jesu am Kreuz.

Ich muss ihre Erfahrungen nicht in meine Sprache übersetzen. Ich muss nicht jeden Moment sofort theologisch einordnen. Ich darf zuhören – und staunen.

Das setzt nicht voraus, dass alle Religionen dasselbe sagen. Das tun sie nicht. Es setzt voraus, dass Gott größer ist als meine Religion. Das glaube ich. Und das verändert alles.

Aber wie lässt sich das theologisch begründen – ohne in Beliebigkeit zu gleiten? Hier hilft mir ein Theologe, den ich erst spät entdeckt habe: Amos Yong, ein amerikanischer Pfingsttheologe mit malaysischen Wurzeln. In seinem Buch „Discerning the Spirit(s)“ entwickelt er eine Pneumatologie, die genau das zu fassen versucht: Gottes Geist wirkt in den Religionen der Welt – nicht trotz ihrer Andersheit, sondern mitten in ihr. Yong sagt nicht: Alles ist gleich heilig. Er sagt: Der Geist weht, wo er will – und es braucht Kriterien der Unterscheidung, um zu erkennen, wo er wirklich weht und wo nicht. Das ist theologisch redlich. Und es entspricht dem, was ich in der Seelsorge erlebe: Nicht jede religiöse Erfahrung ist automatisch Gotteserfahrung. Aber manche sind es – auch jenseits der Kirchenmauern.

Dahinter steckt eine alte, fast vergessene theologische Frage: das Filioque. Im westlichen Credo heißt es: Der Heilige Geist geht vom Vater und vom Sohn aus. Das klingt technisch. Aber es hat Konsequenzen: Wenn der Geist christologisch gebunden ist – wirkt er dann nur dort, wo Christus bezeugt wird? Die östliche Kirche hat das Filioque nie mitgemacht. Für sie geht der Geist vom Vater allein aus – und behält damit eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber dem Sohn. Yong greift genau diese östliche Intuition auf: Der Geist ist nicht der Assistent Christi, der nur dort tätig wird, wo der Missionar schon war. Er ist der freie Atem Gottes – der weht, wo er will, bevor wir ankommen, und noch dort, wo wir längst gegangen sind. Das bedeutet nicht, dass Christus überflüssig wird. Es bedeutet: Der Geist kann auch ohne mein Zeugnis wirken. Und das ist eigentlich das Befreiendste, was ich theologisch je gedacht habe.


Gastfreundschaft als theologische Haltung

Der Philosoph Jacques Derrida hat in seiner Schrift „Von der Gastfreundschaft“ einen Satz formuliert, der mich nicht loslässt: „Der Gast wird zum Gastgeber des Gastgebers.“ Derrida denkt Gastfreundschaft als ethische Grundkategorie schlechthin – und er ahnt, dass sie ins Religiöse hineinreicht: In der Idee unbedingter Gastfreundschaft artikuliert sich, so schreibt er, ein messianisches Versprechen.

Das klingt paradox. Es ist paradox. Und es beschreibt genau das, was im interreligiösen Gespräch passiert, wenn es wirklich gelingt.

Ich komme in das Zimmer eines Menschen, der stirbt. Ich bin der Gast – in seiner Lebensgeschichte, in seiner Welt, in seiner Sprache. Aber zugleich bin ich der Gastgeber: Ich biete Raum an. Stille. Gegenwart. Manchmal ein Gebet in meiner Sprache.

Und dann geschieht etwas Merkwürdiges: Der Andere wird zum Gastgeber des Gastgebers. Er lässt mich ein. Er zeigt mir seine Welt. Und ich werde verwandelt.

Das ist keine Methode. Das ist eine Haltung. Gastfreundschaft – nicht als Toleranz von oben herab, sondern als Bereitschaft, verwandelt zu werden.

Im Hospiz bedeutet das konkret: Ich komme nicht als der, der die Wahrheit bringt. Ich komme als der, der Raum gibt. Wenn ein Muslim mir von Allahs Barmherzigkeit erzählt, höre ich zu – und erkenne darin etwas, das ich kenne. Wenn ein Buddhist schweigt, schweige ich mit. Wenn eine Anthroposophin von Engeln spricht, frage ich nach – nicht um zu korrigieren, sondern um zu verstehen.

Und manchmal entsteht in diesem Raum etwas, das keiner von uns geplant hat.


Was das für meine Seelsorge bedeutet

Seelsorge, die ich so verstehe, beginnt mit einer Frage – und es ist nicht die Frage: „Bist du getauft?“ oder „Gehörst du einer Kirche an?“ Die Frage lautet: „Was trägt dich?“

Das ist eine offene Frage. Eine, die dem anderen Raum lässt, in seiner eigenen Sprache zu antworten. Und dann: zuhören. Wirklich zuhören, ohne sofort den christlichen Übersetzer einzuschalten.

Gleichzeitig bleibe ich in meiner Sprache. Das ist kein Widerspruch – es ist das Gegenteil von Beliebigkeit. Wenn jemand von kosmischen Kräften spricht, die ihn tragen, dann nenne ich das vielleicht Heiliger Geist. Nicht weil ich seine Sprache korrigieren will, sondern weil ich zeigen will: Ich höre darin etwas, das ich kenne. Wir müssen nicht dieselben Worte benutzen. Wir müssen einander nicht belehren. Wir können staunen.

Ich biete meinen Glauben an. Aber ich dränge ihn nicht auf. Wenn jemand von Jesus hören will, erzähle ich. Wenn nicht – ist das auch gut. Gott wirkt auch ohne meine Worte. Das ist eigentlich das Befreiendste, was ich je gelernt habe.


Warum ich trotzdem Christ bleibe

Manche fragen: Wenn Gott überall wirkt – warum brauchst du dann noch Jesus? Warum diese Bindung an eine Geschichte, eine Person, eine Tradition?

Meine Antwort ist einfach – und alles andere als selbstverständlich: Weil diese Geschichte mich trägt. Weil ich Jesus brauche, um zu wissen, wie Gott ist. Nicht als abstraktes Prinzip, sondern konkret, in einem Leben, das ich erzählen kann.

Gott macht sich klein – das sehe ich in der Krippe. Gott geht mit – das sehe ich auf dem Weg nach Jerusalem. Gott leidet mit – das sehe ich am Kreuz. Gott verwandelt – das sehe ich am Ostermorgen. Diese Geschichte ist nicht eine Möglichkeit unter vielen für mich. Sie ist meine Möglichkeit. Die, die mir gegeben wurde. Die, die mich hält.

Und ich glaube: Gott ehrt das. Er ehrt nicht die, die alles offenlassen und überall zu Hause sind. Er ehrt die, die irgendwo zu Hause sind – und von dort aus offen werden für das Fremde.

Ich bleibe Christ, nicht weil ich glaube, dass alle anderen falsch liegen. Sondern weil ich ohne diese Geschichte nicht weiß, wie ich leben soll.


Die Fragen, die bleiben

Ich habe keine fertigen Antworten auf die Frage, ob Christus der einzige Weg zur Erlösung ist. Ich habe keine fertige Antwort auf die Frage, was einem Muslim ohne Christus fehlt – oder ob ihm überhaupt etwas fehlt.

Ich weiß nicht, wie die Verhältnisse der Religionen eschatologisch aufgelöst werden. Und ich habe aufgehört, so zu tun, als wüsste ich es.

Was ich weiß: Ich darf Christ sein, ohne alles wissen zu müssen. Ich darf fragen, zweifeln, staunen, lernen – und dabei an Christus festhalten. Leben als Fragment bedeutet nicht, keine Überzeugungen zu haben. Es bedeutet, die Überzeugungen nicht zu Festungen zu machen.

Ich bin Christ. Ich lerne von anderen. Beides gehört zusammen.

Und wenn ich in jenem Hospizzimmer sitze, neben dem betenden Muslim, und schweige – dann bin ich beides zugleich: verwurzelt und weit. Zu Hause und unterwegs. Christ und Lernender.

Unter weitem Himmel.


Quellen und Hinweise

Jacques Derrida: Von der Gastfreundschaft, Passagen Verlag, Wien 2001, S. 91.

Amos Yong: Discerning the Spirit(s). A Pentecostal-Charismatic Contribution to Christian Theology of Religions, Sheffield Academic Press, Sheffield 2000.

Bibelzitate nach der Lutherbibel 2017, © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit einem KI-Schreibwerkzeug (Claude, Anthropic). Die inhaltliche Verantwortung liegt beim Autor.