KI im geistlichen Raum. Eine theologische Zwischenbilanz

KI im geistlichen Raum – kann das funktionieren? Ich nutze künstliche Intelligenz. Jeden Tag. Auch für diese Webseite. Das ist kein Geheimnis. Und es sollte keins sein. Aber es braucht Transparenz – warum ich KI nutze, wie ich sie nutze, und wo meine Grenzen liegen.


Die Realität: KI und digitale Räume sind längst da

Während die Kirche noch diskutiert, ist die Sache längst weitergegangen. Zehn Millionen Menschen weltweit nutzen „Replika“ – einen digitalen Begleiter, der zuhört, nicht urteilt und immer da ist.
Klingt verlockend, oder?
Bis man merkt: Sie vergisst nichts – und versteht trotzdem nichts.
Andere nutzen „Woebot“ für kognitive Verhaltenstherapie per Chat. Millionen meditieren mit Apps wie Calm oder Headspace. Auf TikTok erreichen spirituelle Influencer ein Publikum, das Kirche nie betreten würde.

Die Frage ist also nicht mehr: Soll KI im geistlichen Raum eine Rolle spielen?
Sondern: Wie gestalten wir ihren Einsatz verantwortungsvoll?


Wo digitaler Raum funktioniert: Das RefLab Zürich

Das RefLab der Reformierten Kirche Zürich erforscht, wo Spiritualität im Netz entsteht. Ihre Tagung „Holy Spaces“ im Oktober 2024 kartierte digitale Glaubenspraxis.
Was sie entdecken: Menschen meditieren gemeinsam über Zoom – und erleben echte Tiefe.
Im „Netzkloster“ treffen sich 50 Menschen aus drei Ländern zum gemeinsamen Schweigen.
Der Zoom-Gottesdienst „Brot & Liebe“ verbindet Menschen, die sonst nie eine Kirche betreten würden.
Das RefLab fasst zusammen: „Was zwischen den Servern entsteht, ist mehr als ein Zoom-Call mit religiösem Inhalt. Es ist ein heiliger Moment im digitalen Raum.“

Der Unterschied? Am anderen Ende sitzen echte Menschen. Die bewusst Präsenz schenken. Die verletzlich sind. Die müde werden.
Nicht die Technik heiligt den Raum. Sondern die Menschen, die ihn mit Leben füllen.


Meine theologische Position: Gott ist größer – und unverfügbar

Ich traue Gottes Geist zu, durch vieles zu wirken. Durch ein Musikstück, das tröstet. Durch den Sonnenaufgang, der Hoffnung weckt.
Schon in der Bibel zeigt sich: Gott begegnet Menschen im Geschaffenen. Elia hört Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben – sondern im sanften Säuseln des Windes.
Kann Gott auch durch digitale Räume wirken? Durch ein Zoom-Gespräch? Durch einen Text, an dem KI mitgewirkt hat?

Ja.

Aber – und das ist entscheidend – Geschaffenes kann nie Gott sein. Das Bilderverbot der Bibel erinnert daran: Gott ist unverfügbar. Wir können ihn nicht einfangen. Nicht in Gegenständen. Nicht in Algorithmen.

Deshalb: KI kann ein Raum sein, in dem Begegnung geschieht – wenn am anderen Ende ein Mensch ist, der wirklich da ist. Aber KI selbst kann keine Seelsorge leisten.

Denn Seelsorge lebt davon, dass beide Seiten verletzlich sind.


Was KI kann – und wo meine Grenze liegt

Ich nutze KI täglich. Für Textglättung. Strukturierung. Recherche.
Sie hilft mir, besser zu formulieren, was ich sagen will.
Aber sie ersetzt nichts.
Sie kann mir helfen, einen Blogpost zu überarbeiten – aber nicht das Gespräch mit jemandem im Klinikpark führen.
Sie kann Quellen finden – aber nicht mit jemandem beten, der Angst hat.
Sie kann Gedanken ordnen – aber nicht die Stille aushalten, wenn jemand weint.


Die drei roten Linien

Erste rote Linie: Transparenz
Menschen müssen wissen, wann sie mit einer Maschine kommunizieren. Kirchenpräsidentin Christiane Tietz von der EKHN fordert eine Kennzeichnungspflicht: „Wir wollen doch keine Kirche, in der KI uns Menschen nur vorgaukelt.“

Zweite rote Linie: Wahlfreiheit
Menschen brauchen die Möglichkeit zu entscheiden: Will ich mit einer KI sprechen – oder mit einem Menschen? Besonders in Krisen darf diese Entscheidung nicht für sie getroffen werden.

Dritte rote Linie: Das Beichtgeheimnis
Seelsorge lebt von der seelsorglichen Verschwiegenheit. Was mir anvertraut wird, bleibt zwischen uns. Das ist rechtlich geschützt. Ich darf nichts weitergeben. Auch nicht unter Zwang.
Eine Maschine aber vergisst nichts.
Was Menschen einer KI erzählen, wird gespeichert. Auf Servern. Irgendwo. Wer hat Zugriff? Wird es für Training genutzt? Kann es gehackt werden?
Das, was Menschen von ihrer Seele zeigen, gehört ihnen. Nicht einem Algorithmus. Nicht einem Konzern.
Deshalb: KI kann Erstkontakte ermöglichen. Informationen geben. Erste Fragen beantworten.
Aber sobald es tiefer geht – gehört das Gespräch zu einem Menschen.
Der schweigen kann. Der vergessen darf. Der unter dem Schutz des Beichtgeheimnisses steht.

Das ist nicht verhandelbar.


Die unbequeme Wahrheit

Kirche kann sich nicht außen vor halten. Während wir diskutieren, bietet der Markt längst Antworten. Kommerzielle Apps. Spirituelle Influencer. Digitale Begleiter ohne jede theologische Reflexion.
Die Frage ist: Wollen wir, dass Menschen in Krisen nur das finden? Oder bringen wir unsere 2000 Jahre Erfahrung in Seelsorge auch digital ein?
Ich glaube: Kirche sollte präsent sein – aber anders.
Nicht optimieren, sondern begleiten.
Nicht verfügbar machen, sondern Raum lassen.
Nicht verkaufen, sondern verschenken.
Das RefLab zeigt: Es geht. Digitale Räume können heilig werden – wenn Menschen sie mit echter Präsenz füllen.
Wenn Begegnung mehr zählt als Reichweite.
Wenn Stille wichtiger ist als Content.


Was bleibt

Die Diskussion wird weitergehen. Neue Technologien werden neue Fragen aufwerfen.
Aber eines wird bleiben: Die Sehnsucht nach echtem Gegenüber. Nach jemandem, der wirklich zuhört. Der mitfühlt, weil er selbst Verletzlichkeit kennt.

Und deshalb gilt für mich:
Ich nutze KI offensiv. Aber ich lasse mich von ihr nicht ersetzen.
Ich glaube, dass Gott größer ist als unsere Technik. Dass er auch durch digitale Räume wirken kann.
Und ich glaube, dass Kirche in dieser Diskussion eine Stimme haben muss.
Nicht technikfeindlich.
Aber klar in der Haltung:
Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten. Begegnung ist mehr als Kommunikation. Seelsorge ist mehr als Information.


Weiterführende Gedanken

Zwei Stimmen haben mich besonders geprägt:
Das RefLab der Reformierten Kirche Zürich – theologisch fundiert, praktisch erprobt, ehrlich fragend
Dieses Interview mit Kirchenpräsidentin Christiane Tietz – warum Seelsorge nie zu einem „maschinellen Dienst verkommen“ darf
Beide teilen eine Haltung, die auch meine ist: Offenheit für Neues – bei gleichzeitiger Klarheit über das Unverzichtbare.


(Stand: Dezember 2025)