Die Perlen des Glaubens sind achtzehn Perlen auf einem Band für die Hände. Kein Schmuckstück, sondern ein Kompass für schwere Zeiten. Ein Halt, wenn der Boden unter den Füßen nachgibt.
Jede Perle hat ihre eigene Form, Farbe und Bedeutung – wie die verschiedenen Kapitel eines Lebens. Du musst keinen Glauben mitbringen, um mit ihnen zu meditieren. Aber vielleicht entdeckst du etwas, während du sie in den Händen hältst.
Diese Perlen kommen aus der christlichen Tradition – genauer gesagt aus Schweden, wo sie der Bischof Martin Lönnebo in den 1990er Jahren entwickelt hat. Sie sind eine Einladung, innezuhalten – mit den Händen, mit dem Herzen, mit dem, was dich gerade bewegt.
Die Perlen des Glaubens:Ein Raum, der Atem gibt
Vielleicht begegnest du dabei einer Kraft, die größer ist als du selbst. Manche nennen diese Kraft „Gott“. Ich stelle mir Gott vor wie einen Raum – einen Raum, der Atem gibt, der nicht einengt, der Fülle und Traurigkeit zugleich halten kann. Einen Raum, in dem Leben und Tod ihren Platz haben.
Dieser Gott ist kein allmächtiger Lenker, der alles unter Kontrolle hat. Er ist eher wie ein Begleiter, der mitgeht – auch durch die Wüste, auch durch die Nacht. Ein Du, das nicht erklärt, aber präsent ist. Eine Liebe, die nicht überwältigt, sondern Raum lässt.
Das ist meine Erfahrung. Vielleicht machst du eine andere. Vielleicht spürst du nur Stille. Vielleicht eine Sehnsucht. Vielleicht einen leisen Trost. Die Perlen drängen sich nicht auf. Sie warten geduldig auf dich.
Fragen, die das Herz kennt
Es gibt Fragen, die wir selten laut aussprechen, die aber ständig in uns flüstern:
Was trägt mich, wenn der Boden unter meinen Füßen nachgibt?
Bin ich geliebt – und von wem?
Was bleibt, wenn alles andere vergeht?
Was kommt nach dem Dunkel?
Die achtzehn Perlen sind wie eine Landkarte für diese tiefen Fragen. Du kannst sie berühren, mit ihnen nachdenken – oder einfach nur schweigen. Sie folgen einem Bogen, wie das Leben selbst: mit seinen Höhen und Tiefen, seinem Licht und seinen Schatten.
Die achtzehn Perlen – Stationen eines Lebensweges
Die große Gottesperle
Ganz am Anfang: die große goldene Perle. Sie steht für das Größte, das Umfassende, das, was alles durchdringt. Für manche ist das „Gott“ – für andere vielleicht nur eine Ahnung, dass da mehr ist als ich selbst.
In der Bibel heißt es:
„Gott ist nicht fern von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“
(Apostelgeschichte 17,27-28, BasisBibel)
Das schreibt Paulus an Menschen in Athen, die nicht an den Gott Israels glauben. Er sagt: Dieser Gott ist euch nicht fremd. Ihr lebt längst in ihm – auch wenn ihr ihn noch nicht beim Namen nennt.
Vielleicht ist es so: Wir sind umgeben von etwas, das größer ist als wir. Ob wir es „Gott“ nennen oder nicht – es ist da.
Die erste Perle der Stille
Nach der großen Gottesperle kommt die erste Stille-Perle – braun, olivenförmig, unscheinbar. Sie lädt ein, innezuhalten. Atem zu holen. Anzukommen.
Stille ist kein leerer Raum. Sie ist Platz für das Wesentliche. Ein Moment, in dem ich spüren kann: Bin ich noch bei mir? Oder bin ich längst nur noch Funktion, Aufgabe, Rolle?
Die Stille-Perlen kehren immer wieder – insgesamt fünfmal auf dem Band. Sie markieren die Pausen zwischen den großen Fragen. Sie sagen: Du musst nicht hetzen. Die Seele reist langsamer als der Alltag.
Die Ich-Perle
Nach der ersten Stille kommt eine ganz besondere Perle: klein, perlmuttfarben, kostbar. Die Ich-Perle.
Sie fragt sanft: Wer bin ich eigentlich? Jenseits von Rollen und Erwartungen. Jenseits von Leistung und Versagen.
„Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin.“
(Psalm 139,14, BasisBibel)
Das steht in einem Psalm, der von Gottes Allwissenheit spricht. „Du hast mich erforscht, Gott, und du kennst mich.“ Das kann tröstlich sein – oder auch beunruhigend. Denn es bedeutet: Ich kann mich nicht verstecken. Ich bin gesehen, ob ich will oder nicht.
Aber es bedeutet auch: Ich bin gewollt. Nicht zufällig. Nicht beliebig. Ein einzigartiges Wesen – mit Würde, die niemand mir nehmen kann.
Die zweite Perle der Stille
Wieder eine Stille-Perle. Ein Raum, um über das eigene Leben nachzusinnen. Um bei sich zu bleiben. Um nicht weiterzuhetzen.
Die Taufperle
Es folgt eine kleine weiße Perle – die Taufperle. Sie steht für einen Neuanfang, für ein Ja, das nicht von mir abhängt.
In der christlichen Tradition bedeutet Taufe: Du bist geliebt, bevor du etwas leistest. Du gehörst dazu, bevor du dich beweist. Das Wasser der Taufe sagt: Du bist angenommen.
Vielleicht hattest du selbst keine Taufe. Aber vielleicht gab es in deinem Leben Momente, in denen jemand Ja zu dir gesagt hat – bedingungslos. Momente, in denen du gespürt hast: Ich bin gewollt. Ich darf sein.
Die Taufperle erinnert daran: Es gibt ein Ja, das größer ist als alle Zweifel.
Die dritte Perle der Stille
Wieder eine Pause. Ein Moment, um das Gehörte sacken zu lassen. Um Vertrauen zu üben.
Die Wüstenperle
Dann kommt eine sandbeige Perle – die Wüstenperle. Sie steht für die schweren Zeiten. Für Durststrecken. Für die Phasen, in denen nichts mehr geht.
Wüste bedeutet: Ich habe keine Kraft mehr. Ich sehe keinen Ausweg. Ich bin am Ende. Die Wüste ist ein Ort der Not – kein Zweifel.
Aber die Wüste hat noch eine andere Seite: Sie ist auch ein Ort, an dem das Wesentliche sichtbar wird. Wenn alles Überflüssige wegfällt – die Ablenkungen, die Geschäftigkeit, das viele Drumherum – bleibt nur noch das Elementare.
Wasser. Atem. Leben selbst.
In der Wüste spüre ich: Was brauche ich wirklich? Was trägt mich? Worauf kommt es an?
Die Bibel erzählt vom Volk Israel, das vierzig Jahre durch die Wüste zieht. Kein direkter Weg – sondern Umwege, Zweifel, Murren. Und doch: In der Wüste lernen sie, auf Gott zu vertrauen. Jeden Tag das Manna – genug für heute, nicht mehr. Die Wüste lehrt, im Hier und Jetzt zu leben.
Die Wüstenperle verspricht nicht, dass alles gut wird. Aber sie sagt: Du bist nicht die Erste, die durch die Wüste geht. Andere sind diesen Weg gegangen – und haben überlebt. Und manche haben in der Wüste etwas gefunden, das sie vorher nicht sehen konnten.
Manchmal lenkt erst die Wüste meinen Blick auf das, was wirklich zählt.
Die vierte Perle der Stille
Eine weitere Stille-Perle. Sie lädt ein, auszuhalten. Bei Gott zu bleiben – oder bei dem, was größer ist als ich. Auch wenn ich keine Antwort bekomme.
Die Perle der Gelassenheit
Es folgt eine dunkelblaue Perle – die Perle der Gelassenheit.
Sie fragt leise: Woher kommt meine Kraft? Was hilft mir, loszulassen – und zu vertrauen, dass ich gehalten bin?
Gelassenheit ist nicht Gleichgültigkeit. Sie ist auch nicht Resignation. Sie ist eher ein Vertrauen: dass ich nicht alles kontrollieren muss. Dass ich nicht alles verstehen muss. Dass es einen Grund gibt, der trägt – auch wenn ich ihn nicht sehe.
In meiner Tradition heißt das: Der Geist Gottes trägt mich. Nicht als magische Kraft, die Probleme wegzaubert. Sondern als stille Präsenz, die mir Atem gibt, wenn ich keine Luft mehr bekomme.
Du musst das nicht „Geist“ nennen. Vielleicht ist es für dich nur ein Gefühl: dass du gehalten bist. Dass du nicht allein bist. Dass es weitergeht – irgendwie.
Die fünfte Perle der Stille
Die letzte Stille-Perle. Ein Moment, um nachzuspüren: Was löst Gelassenheit in mir aus? Wo finde ich Weite, Frieden, Loslassen?
Zwei Perlen der Liebe
Jetzt kommen zwei rote Perlen – die Perlen der Liebe.
Liebe ist nicht nur Gefühl. Liebe ist Verbundenheit. Liebe ist, dass ich gesehen werde. Liebe ist, dass jemand bleibt – auch wenn es schwer wird.
In der Bibel heißt es:
„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“
(1. Korinther 13,13, BasisBibel)
Liebe ist das, was bleibt, wenn alles andere vergeht. Nicht als romantisches Gefühl, sondern als Kraft, die Räume öffnet. Die Menschen zusammenhält. Die Leben ermöglicht.
Liebe ist parteilich – sie stellt sich auf die Seite der Schwachen, der Leidenden, der Vergessenen. Liebe ist strukturell – sie fragt nach Gerechtigkeit, nach Würde, nach Freiheit.
Und Liebe ist leiblich – sie wird nicht nur gedacht, sondern getan. Berührt. Verkörpert.
Die beiden roten Perlen erinnern daran: Liebe ist nicht nur ein schönes Wort. Sie ist das, was das Leben trägt.
Drei Geheimnisperlen – darunter die grüne Schöpfungsperle
Dann folgen drei kleine Perlen – die Geheimnisperlen. Zwei sind perlmuttfarben, eine schimmert grün.
Sie stehen für das, was sich nicht in Worte fassen lässt. Für das Staunen. Für das Unaussprechliche. Für die Rätsel des Lebens, die keine einfachen Antworten kennen.
Die erste Geheimnisperle steht für das Unausgesprochene – für Träume, Ängste, Sehnsüchte, die ich vielleicht noch nie jemandem gesagt habe.
Die zweite Geheimnisperle steht für Dinge, die niemand weiß – für das, was tief in mir verborgen ist. Für Gottes Geheimnis, das größer ist als alle Erklärungen.
Die grüne Schöpfungsperle
Die dritte Geheimnisperle ist grün – die Schöpfungsperle.
Sie steht für das Leben, das wächst. Für die Erde, die uns trägt. Grün ist die Farbe des Frühlings, der Hoffnung, der Lebendigkeit.
Die grüne Perle erinnert daran: Ich bin ein Geschöpf. Nicht der Mittelpunkt, nicht der Herr über alles – sondern Teil von etwas Größerem. Ich bin verbunden mit der Erde, den Pflanzen, den Tieren, den Jahreszeiten. Ich bin nicht getrennt von der Welt – ich gehöre dazu.
Und wenn ich mich selbst als Geschöpf sehe, verändert sich mein Blick: Ich darf sorgsam mit mir umgehen. Ich muss nicht alles leisten, nicht alles kontrollieren. Ich bin begrenzt – und das ist gut so.
Und ich darf sorgsam mit der Schöpfung umgehen. Mit dem, was wächst. Mit dem, was zerbrechlich ist. Mit dem, was ich weitergebe.
In der Bibel heißt es:
„Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“
(1. Mose 1,31)
Die Schöpfung ist kein Zufall. Sie ist keine Ressource, die ich ausbeuten darf. Sie ist ein Geschenk – und ich bin Teil davon.
Die grüne Perle lädt ein, achtsam zu sein. Mit mir selbst. Mit der Welt um mich herum. Mit dem Leben, das mir anvertraut ist.
Die Nachtperle
Jetzt kommt die dunkelste Perle – die Nachtperle. Tiefschwarz.
Sie steht für das, was weh tut. Für Angst und Verlust. Für all das, was wir nicht erklären können. Für die Zeiten, in denen wir uns verlassen fühlen.
Die Nachtperle lügt nicht. Sie sagt nicht: „Alles wird gut.“ Sie sagt nicht: „Gott hat einen Plan.“ Sie sagt nur: Es gibt die Nacht. Und in der Nacht ist es dunkel.
Für manche ist die Nacht auch ein Ort der Ruhe – wo der Tag zur Ruhe kommt, wo Schlaf neue Kraft schenkt. Aber für andere ist die Nacht der Ort der Angst. Die Stunden, in denen die Gedanken kreisen. Die Zeit, in der die Einsamkeit am größten ist.
Diese Perle ist für die schwere Nacht. Für die Nacht, in der ich nicht schlafen kann. Für die Nacht, in der ich mich frage: Kommt je wieder Morgen?
Ich glaube, dass Gott auch in dieser Nacht da ist – aber nicht als Erklärer, nicht als Problemlöser. Eher als einer, der mitgeht. Der mitleidet. Der aushält, was ich aushalte.
Das heißt nicht, dass die Nacht aufhört, dunkel zu sein. Aber es heißt: Ich bin nicht allein.
Die Auferstehungsperle
Dann kommt eine strahlend weiße Perle – die Auferstehungsperle.
Sie steht für Hoffnung. Für das Licht nach der Dunkelheit. Für das „Trotz allem“.
Ich weiß nicht, wie das Leben nach dem Tod aussieht. Ich kann es nicht beweisen. Ich kann es nicht erklären. Aber ich hoffe – gegen alle Verzweiflung –, dass das letzte Wort nicht der Tod hat.
Ich vertraue darauf, dass Gott das Gute nicht fallen lässt. Dass das, was wahr und schön und wertvoll in einem Leben war, nicht einfach verschwindet. Sondern verwandelt wird – wie, weiß ich nicht.
Das ist keine Gewissheit. Es ist Fragment-Hoffnung. Kleine Spuren von Licht in der Dunkelheit. Momente, in denen ich spüre: Es gibt mehr als das, was ich sehe.
Die Auferstehungsperle sagt: Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.
Die große Gottesperle – am Ende wie am Anfang
Ganz am Ende kommt noch einmal die große goldene Perle – die Gottesperle.
Sie ist dieselbe wie am Anfang. Sie schließt den Kreis.
Sie sagt: Woher ich komme, dahin kehre ich zurück. Der Ursprung ist auch das Ziel. In Gott ankommen – das ist die Vollendung.
Ob ich das glaube oder nicht – das Band sagt: Es gibt einen Zusammenhang. Einen Bogen. Eine Richtung.
Und es sagt: Am Ende steht nicht das Nichts. Am Ende steht die große goldene Perle – der Raum, der alles umfasst.
Ein Weg, kein System
Die achtzehn Perlen sind kein theologisches System. Sie sind ein Weg – durch Höhen und Tiefen, durch Licht und Schatten. Ein Weg, den du gehen kannst, auch wenn du nicht glaubst. Auch wenn du zweifelst. Auch wenn du suchst.
Sie drängen sich nicht auf. Sie warten geduldig.
Vielleicht nimmst du sie eines Tages in die Hand.
Vielleicht spürst du, dass sie etwas in dir berühren.
Vielleicht findest du einen Halt, wo du keinen erwartet hast.
Und vielleicht – nur vielleicht – begegnest du dabei einem Raum, der größer ist als du selbst.
Einem Raum, der Atem gibt.