Und es begab sich eines Tages, als er lehrte, dass auch Pharisäer und Schriftgelehrte dasaßen, die gekommen waren aus allen Orten in Galiläa und Judäa und aus Jerusalem. Und die Kraft des Herrn war mit ihm, dass er heilen konnte. Und siehe, einige Männer brachten einen Menschen auf einem Bett; der war gelähmt. Und sie versuchten, ihn hineinzubringen und vor ihn zu legen. Und weil sie wegen der Menge keinen Zugang fanden, ihn hineinzubringen, stiegen sie auf das Dach und ließen ihn durch die Ziegel hinunter mit dem Bett mitten unter sie vor Jesus.
Lukas 5,17–19
Die Kirche der Zukunft braucht Mut und Vertrauen.Es gibt diesen Moment in der Geschichte vom Gelähmten, den vier Freunde zu Jesus bringen wollen. Der Moment, in dem klar wird: Kein Durchkommen. Zu viele Menschen. Und dann diese radikale Entscheidung: Wir gehen aufs Dach. Wir decken es ab. Wir lassen den Himmel herein.
Ich denke oft an dieses Bild, wenn ich über Kirche nachdenke.
Der Staub, der von der Decke rieselt
Stellen wir uns das mal vor: Da sitzt Jesus im Haus. Pharisäer und Schriftgelehrte aus ganz Galiläa sind gekommen. Wichtige Leute. Man diskutiert Theologie. Alles sehr gesetzt, sehr ordentlich.
Und plötzlich rieselt Lehm von der Decke.
Die Hausbesitzer: entsetzt. Wer zahlt das?
Die Zuhörer: irritiert. Geht’s noch?
Aber Jesus? Der schaut nach oben. Sieht die Öffnung. Sieht die Bahre, die da heruntergelassen wird. Sieht den Gelähmten. Und dahinter: vier Gesichter, die nicht aufgegeben haben.
Er nennt es Glauben.
Kirche als Ort des Trostes
Kapernaum. Kaphar Nahum – Ort des Trostes. So heißt das Fischerdorf, in dem die Geschichte spielt. Ein schöner Name für einen Ort, an dem Jesus lehrt und heilt.
Ich wünsche mir, dass man das auch über Kirche sagt.
Nicht: „Da gibt es gute Programme.“
Sondern: „Das ist ein Ort des Trostes.“
Ein Ort, wo Menschen mit den Fragmenten ihres Lebens hinkommen können. Mit den Umwegen ihrer Geschichte. Mit Wunden, die nicht heilen wollen. Nicht nur für die, die immer kommen. Sondern auch für die am Rand. Die Zugezogenen. Die Abgedrängten. Die, die mit der Kirche abgeschlossen haben – und trotzdem suchen.
Und dort den menschgewordenen Gott finden. Christus, den Bruder, der mitgeht. Nicht als Richter. Sondern als Gegenüber, das aushält.
Die Kirche der Zukunft wird eine seelsorgliche sein müssen. Eine diakonische. Oder sie wird nicht sein. In einer Zeit, in der Krisen uns in ungeahnter Taktung erschüttern – Krieg, Klimakrise, persönliche Katastrophen, die sich nicht an Taktgrenzen halten –, brauchen Menschen Orte, an denen sie sich bergen können.
Nicht belehrt werden.
Sich bergen.
Die Kraft der Freunde
Aber zurück zur Geschichte. Denn jetzt wird’s interessant.
Wo bin ich eigentlich in dieser Erzählung?
Manchmal bin ich der Gelähmte. Gelähmt angesichts von Prognosen, die sagen: In zwanzig Jahren wird nur noch ein Bruchteil der Menschen in dieser Kirche sein. Gelähmt von Strukturdebatten, die nie enden. Von Sitzungen, in denen wir Probleme verwalten statt Zukunft gestalten. Manche haben sich schon innerlich verabschiedet. Sind entmutigt. Ich auch, manchmals.
Bin ich einer der Träger? Hoffentlich auch. Einer, der sagt: Wir lassen uns nicht entmutigen. Wir suchen Möglichkeiten. Wir finden Wege.
Aber niemand trägt allein.
Das ist die Kraft dieses Bildes: Vier Menschen. Nicht einer. Vier, die eine Bahre tragen. Die sich nicht abschrecken lassen von verschlossenen Türen. Die ungewohnte Wege suchen.
Davon lebt Kirche.
Von Menschen, die anpacken.
Die bei Widerständen nicht resignieren.
Die Ideen haben, Mut und Gottvertrauen.
Nicht als Einzelkämpfer.
Sondern als Gemeinschaft.
Der offene Himmel
Und dann passiert es: Das Dach öffnet sich. Lehm rieselt herunter. Licht fällt herein. Der Himmel wird sichtbar.
Manchmal braucht es den Riss in der Kirchenordnung, die sagt: „So haben wir’s immer gemacht.“ Manchmal braucht es den Zweifel an der Theologie, die Gott in ein System sperrt. Manchmal braucht es das Unvollkommene, das Unvollendete, damit Neues entstehen kann.
Dafür brauchen wir die Zweifler. Die Fragenden. Die Suchenden.
Die uns fragen: Ist das so? Muss das so?
Die dafür sorgen, dass wir nicht in Selbstgenügsamkeit erstarren.
Ich wünsche mir mehr Menschen, die Dächer öffnen.
Nicht, weil sie alles niederreißen wollen.
Sondern weil sie glauben, dass der Himmel größer ist als unsere Räume.
Kirche neu denken
Die Prozesse sind schmerzhaft. Die Prognosen sagen: In zwanzig Jahren wird nur noch ein Bruchteil der Menschen in dieser Kirche sein. Das ist mehr als Mitgliederschwund. Das fühlt sich manchmal an wie Sterben.
Aber vielleicht braucht es das Sterben, damit etwas Neues wachsen kann.
Es ist die Chance, Kirche neu zu gestalten.
Die Chance, im hereinströmenden Licht zu sehen: Wie sieht es wirklich aus bei uns?
Da wird es Umwege geben. Irrwege auch.
Da braucht es Geduld und eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit.
Da braucht es Vertrauen und Mut.
Aber mir ist nicht bange um die Kirche.
Weil ich Menschen kenne, die noch immer Dächer abdecken.
Die den Himmel hereinlassen.
Die Wege suchen, wo andere nur Mauern sehen.
Das ist Glaube.
Nicht als Besitzstand.
Sondern als Bewegung.